Wenn Du mich so anschaust, können wir es auch gleich lassen. Was soll ich mit einem Gott, der mich so anschaut?
Ja, Du bist groß. Du bist allmächtig. Du bist gut und durchschaust alle meine Gedanken. Aber wenn Du alles bist, was bin ich dann – nichts?
Ich gebe mein Bestes, jeden Tag. Ich erfülle die Erwartungen, ich leiste meinen Beitrag, ich gebe mir Mühe, ich lebe mein Leben so gut ich kann. Aber Dir reicht das nicht! Du durchbohrst mich mit diesem Blick, der kein gutes Haar an mir lässt. Du findest den Makel in allen meinen Taten. Ich reibe mich auf in Verpflichtungen, Verantwortlichkeiten und Anforderungen. Doch für Dich ist das nie genug.
Klar, für Dich ist es auch leicht, alles richtig zu machen, denn Du bist Gott. Aber ich bin nur ein Mensch und ich kann nicht mehr. Ständig vergleichst Du mich mit Dir. Du legst Deine Maßstäbe an mich an, obwohl ich viel begrenzter bin als Du. Niemand auf der Welt kann Deine Ansprüche erfüllen. Und dann schaust Du wieder so unzufrieden und lässt mich spüren, was ich für Dich bin: eine einzige Enttäuschung.
Dann lass mich doch einfach in Ruhe. Wenn ich es Dir doch nicht rechtmachen kann, dann ist es vielleicht besser, wir gehen getrennte Wege. Gönn mir eine Pause. Lass mich kurz aufatmen. Gib mich frei. Ich will nicht mehr beobachtet, überwacht und beurteilt werden. Ich will Frieden haben. Lieber allein sein, als mich ständig falsch fühlen.
Ich brauche Dein Urteil nicht. Und auch nicht Deinen überkritischen Stempel auf meinem Lebensentwurf. Ich brauche Deine Kraft, die mich über Abgründe trägt. Ich brauche Deinen Mut, der mich neue Schritte wagen lässt. Ich brauche Deine Weisheit, um mich selbst und die Welt zu verstehen. Ich brauche einen anderen Blick…
Aber wenn Du Gott bist und wirklich alles kannst – kannst Du mich dann nicht auch einfach anders ansehen? Mit einem Blick, der sieht was sein könnte. Mit einem Lächeln, das mir Mut macht und mir etwas zutraut. Mit einem weiten Herzen, das meine Sehnsucht spürt. Mit einer Hand, die sich nach mir ausstreckt. Diese Hand würde ich greifen und mich an ihr festhalten. Und wenn der Sturm um mich unerträglich wird, das Wasser höher steigt und die Wellen mich hin- und herwerfen, würde ich mich an ihr festklammern. Und Du würdest mich halten. Und zu Dir ziehen. Mich in den Arm nehmen. An Dein Herz drücken und sagen „Alles wird gut, ich bin da!“.
Was ist der Mensch, von einer Frau geboren? Sein Leben ist kurz und doch voller Unruhe. Wie eine Blume blüht er auf und wird abgeschnitten. Wie ein Schatten flieht er und bleibt nicht hier. Trotzdem richtest du deine Augen auf ihn und gehst mit ihm ins Gericht. Gibt es einen Menschen, der von Geburt an rein ist? Es gibt keinen einzigen! Darum sind seine Tage begrenzt, die Zahl seiner Monate steht fest. Du hast seinem Leben eine Grenze gesetzt, die kann er nicht überschreiten. Darum schau weg und lass ihn in Ruhe! Lass ihm doch das bisschen Lebensfreude wie einem Tagelöhner, der nach der Arbeit ruht. (…)
Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte, dass du mich eine Weile in der Unterwelt versteckst! Halte mich verborgen, bis dein Zorn vorbei ist! Und wenn es so weit ist, denk wieder an mich! (…) Du würdest mich rufen und ich dir antworten. Du würdest dich wieder freuen an deinem Geschöpf.
Stattdessen überwachst du meine Schritte. Keinen einzigen Fehltritt siehst du mir nach. Für jedes Vergehen kommt ein Steinchen in den Beutel, so sammelst du meine Schuld und bewahrst sie auf.
Amen.
Hiob 14, 1-17
und gehst mit ihm ins Gericht. Gibt es einen Menschen, der von Geburt an rein ist? Es gibt keinen einzigen! Darum sind seine Tage begrenzt, die Zahl seiner Monate steht fest. Du hast seinem Leben eine Grenze gesetzt, die kann er nicht überschreiten. Darum schau weg und lass ihn in Ruhe! Lass ihm doch das bisschen Lebensfreude wie einem Tagelöhner, der nach der Arbeit ruht. Ja, für einen Baum gibt es Hoffnung. Wenn er gefällt wird, treibt er wieder aus.
Es fehlt ihm nicht an neuen Trieben. Das gilt selbst für einen alten Baumstumpf,
dessen Wurzelstock in der Erde abgestorben ist. Sobald er ein wenig Wasser spürt, treibt er aus und blüht wieder auf wie ein junges Bäumchen. Anders ist das bei einem Menschen: Wenn er stirbt, dann ist es aus mit ihm. Wenn er ums Leben kommt, wo ist er dann? Wasser aus dem Meer verdunstet, Flüsse versiegen und trocknen aus. Genauso ist es auch beim Menschen: Er legt sich hin und steht nicht wieder auf. Solange der Himmel besteht, wacht er nicht auf, und niemand rüttelt ihn aus seinem Schlaf. Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte, dass du mich eine Weile in der Unterwelt versteckst! Halte mich verborgen, bis dein Zorn vorbei ist! Und wenn es so weit ist, denk wieder an mich! Wenn ein Mensch stirbt, ist sein Leben aus. Wenn du mich aber versteckst, könnte ich warten – wie einer im Kriegsdienst auf seine Ablösung hofft. Du würdest mich rufen und ich dir antworten. Du würdest dich wieder freuen an deinem Geschöpf. Stattdessen überwachst du meine Schritte. Keinen einzigen Fehltritt siehst du mir nach.
Für jedes Vergehen kommt ein Steinchen in den Beutel, so sammelst du meine Schuld und bewahrst sie auf.