Wir dürfen nicht schweigen!

Andacht zum drittletzten Sonntag des Kirchenjahres
Glasscherben auf dem Boden
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Ursula Rudnick
Bild: privat
Prof. Dr. Ursula Rudnick ist Beauftragte für Kirche und Judentum der Evangelischen Agentur der Landeskirche Hannovers.

Heute jährt sich der 9. November 1938 zum 87. Mal. In dieser Nacht und am folgenden Tag wurden in ganz Deutschland Synagogen niedergebrannt, Geschäfte zerstört, Wohnungen verwüstet. Menschen wurden geschlagen, gedemütigt, ermordet und in Konzentrationslager verschleppt.

Auch in meiner Heimatstadt Hannover wurde die Synagoge in der Bergstraße angezündet – mitten in der Nacht. Die Feuerwehr kam, zog eine Absperrung, tat aber nichts gegen den Brand. Etwa 4.000 Menschen versammelten sich teils schweigend, teils johlend um das brennende Gotteshaus.

Die Pogromnacht markierte eine Zäsur. Sie war kein spontaner Gewaltausbruch, sondern der nächste Schritt in einem System, das Jüdinnen und Juden seit 1933 systematisch entrechtete, ausgrenzte, enteignete und schließlich ermordete.

Und heute?

An Universitäten hängen Plakate mit judenfeindlicher Hetze. Jüdische Menschen werden im Alltag angepöbelt, im Internet mit Hass überzogen, an Kinder werden an Schulen ausgegrenzt und erfahren Gewalt. Menschen verschweigen, dass sie jüdisch sind, weil sie Angst haben, angegriffen zu werden.

Antisemitismus zerstört unsere Gesellschaft. Wir dürfen uns nicht vormachen, dass das „nicht unser Problem“ sei. Es ist unser Problem – weil es uns als Bürgerinnen und Bürger unserer Gesellschaft betrifft. Und weil wir als Christinnen und Christen durch Jesus mit dem jüdischen Volk verbunden sind.

Wir dürfen nicht schweigen, wenn Jüdinnen und Juden bedroht werden – nicht auf der Straße, nicht im Netz, nicht in der Schule, nicht im eigenen Umfeld. Wir sind gefragt, sichtbar und hörbar zu widersprechen – mit Haltung, mit Wort und Tat.

Ich möchte ein bundesweites Projekt vorstellen, das von der Kantorin Avital Gerstetter ins Leben gerufen wurde. Es nennt sich Welcome Places. Orte des Willkommen-Seins für Menschen in Bedrängnis. Privathaushalte, Läden, Restaurants, Kirchen, ja alle sind eingeladen, Welcome Places zu werden. Wer ein Welcome Place wird, ist bereit, einem Menschen in Not Schutz vor Verfolgung zu bieten. Als Gast für eine kurze Zeit, auf einen Kaffee für eine Unterbrechung – bis die Bedrohung vorbei ist oder die Polizei da ist.

Damit niemand klagen muss: „Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst. … Meine Feinde haben mich ohne Grund gejagt wie einen Vogel … Wasser hat mein Haupt überschwemmt; da sprach ich: Nun bin ich verloren.“ (Klagelieder, 3, 46f) Menschen in Not und in Angst sollen sagen können: „Ich war nicht allein. Ich wurde geschützt.“

Amen.

Bibelstelle,
Klagelieder 3,46f
Alle unsere Feinde reißen ihr Maul auf über uns. Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst.
Ursula Rudnick