Erinnern – was bleibt im Herzen? Der Haustürschlüssel war verschwunden. Wieder einmal. Nach einer längeren Suchaktion fand er sich schließlich dort, wo man ihn zuletzt vermutet hatte: in der eigenen Manteltasche.
Zettel an der Tür, Notizen auf der Hand, Erinnerungsapps im Handy – alles Hilfen, um das Gedächtnis zu entlasten. Und doch spüre ich: Im Kopf bleibt weniger hängen. Früher, als die Welt noch nicht in ständiger Informationsflut badete, trugen wir die wichtigsten Worte im Herzen. Gedichte, Lieder, Gebete. Worte, die im Herzen bewahrt werden. Schätze der Erinnerung.
Zum Reformationstag rückt in diesem Jahr ein Text in den Mittelpunkt, der diese Kunst des Erinnerns in ihrer reinsten Form verkörpert: das Schma Israel – „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist einer.“ (5. Mose 6,4).
Seit über zweieinhalb Jahrtausenden wird dieser Satz von Jüdinnen und Juden täglich gebetet. Er ist nicht nur Glaubensbekenntnis, sondern geistige Heimat, Herzschlag einer religiösen Kultur. In kleinen Schriftkapseln, den Mesusot, wird er an Türrahmen befestigt – als leise Mahnung beim Kommen und Gehen: Vergiss nicht, wem du vertraust.
Das Schma ist eine Schule der Erinnerung. Es ruft dazu auf, Gottes Weisungen nicht nur zu hören, sondern sie zu verinnerlichen – und weiterzugeben, vor allem an die Kinder. Denn Glaube, der nicht erzählt, verschwindet.
Gerade heute, da alte Gewissheiten wegrutschen und populistische Stimmen lauter werden, bekommt dieser Gedanke neue Dringlichkeit. Erinnerung ist kein nostalgischer Luxus, sondern eine Form moralischer Selbstvergewisserung. In seiner hebräischen Schreibweise enthält das Schma ein stilles Symbol: Zwei Buchstaben sind vergrößert – Ajin und Dalet. Zusammen ergeben sie das Wort Ed: Zeuge.
Wer das Schma spricht, wird zum Zeugen – für Gottes Einheit, seine Schöpfung, seinen Friedenswillen. Ein einziger Satz ist Schlüssel für unsere Zeugenschaft: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist einer.“ Amen.
Amen.
5. Mose 6,4