Nach belastenden Einsätzen: Blaulicht-Gottesdienst gibt Raum für persönliche Geschichten

Bild: Anne-Katrin Schwanitz

Wenn ein Einsatz vorbei ist, bleiben manchmal Bilder, Zweifel und Fragen. Davon erzählten Einsatzkräfte beim ökumenischen Blaulicht-Gottesdienst in der St.-Johannis-Kirche zum Auftakt des Lüneburger Blaulichttags.

Lüneburg. Unter dem Motto „Grenzerfahrungen“ ging es beim ökumenischen Blaulicht-Gottesdienst am Sonntag, 1. November, in der St.-Johannis-Kirche in Lüneburg um belastende Erlebnisse, die Grenzen der eigenen Möglichkeiten und die Kraft, die Menschen danach weiterträgt. Regionalbischöfin Marianne Gorka und der katholische Diakon Mario Puliafito gestalteten den Gottesdienst zum Auftakt des Lüneburger Blaulichttags mit. Erstmals wurde außerdem die Wanderausstellung „BLAULICHT“ des Sprengels Lüneburg präsentiert.

Während sich beim Lüneburger Blaulichttag in der Innenstadt Hilfsorganisationen und Sicherheitsbehörden mit Fahrzeugen, Technik und Informationen vorstellten, ging es in der St.-Johannis-Kirche um die Menschen hinter den Uniformen. Einsatzkräfte von Technischem Hilfswerk (THW), Deutscher Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), Feuerwehr, Johannitern und Polizei berichteten von Erlebnissen, die sie nicht einfach mit dem Ende einer Schicht hinter sich lassen können.

„Was dabei häufig unsichtbar bleibt, ist das, was diese Einsätze mit den Menschen selbst machen“, beschrieb Regionalbischöfin Marianne Gorka die Frage, die über dem Gottesdienst stand. Denn wer anderen in Not hilft, muss oft unter großem Zeitdruck entscheiden und in unübersichtlichen Situationen handeln. Dabei erleben Einsatzkräfte nicht nur Gefahr und Leid, sondern manchmal auch die Grenzen dessen, was sie selbst bewirken können.

„Habe ich alles gemacht?“ – Fragen, die nach einem Einsatz bleiben

Notfallsanitäter Jens Engel vom Johanniter-Rettungsdienst Lüneburg erzählte von einem Krankentransport, der zunächst nicht wie ein akuter Notfall gewirkt hatte. Mit dem an Krebs erkrankten Patienten hatte er im Rettungswagen noch gescherzt. Bei der Übergabe im Krankenhaus starb der Mann. Obwohl ihm dort versichert worden sei, dass der Patient schwer krank gewesen sei und bereits länger als erwartet gelebt habe, ließ Engel eine Frage nicht los: „Habe ich alles gemacht?“

Auch Jens Golz von der DLRG-Ortsgruppe Lüneburg kennt solche Fragen. Er berichtete von einer Suche auf dem Wasser, die ihn noch lange beschäftigte. Vier Tage hatte es gedauert, bis ein vermisster Mensch tot gefunden worden war. Warum hatten sie ihn nicht früher gefunden? Diese Frage trieb ihn um. Halt und Unterstützung fand Golz bei seiner Familie.

Wie nah Gefahr und Ohnmacht im Einsatz beieinanderliegen können, zeigten auch die Erzählungen aus Feuerwehr und Polizei. Sven Breiter von der Feuerwehr Lüneburg-Mitte erinnerte an einen Großbrand in der Goseburg. Die Hitze sei so stark gewesen, „dass Blaulichter schmolzen und der Lack der Einsatzfahrzeuge Blasen schlug“.

Streifenpolizist Jonas Meyer von der Polizeiinspektion Lüneburg/Lüchow-Dannenberg/Uelzen schilderte einen Brand in einem Einfamilienhaus. Ohne die nötige Schutzausrüstung konnten er und seine Kollegen nicht in das brennende Gebäude vordringen. Bei dem Brand starb ein Helfer.

Vier sehr unterschiedliche Erfahrungen, die eine Frage verbindet: Was macht es mit einem Menschen, wenn er anderen helfen will und dabei an die Grenzen seiner Möglichkeiten stößt?

Hilfe anzunehmen ist keine Schwäche

Regionalbischöfin Marianne Gorka ermutigte die Einsatzkräfte, auch über das zu sprechen, was nicht gelungen ist und was sie belastet: „Nicht jeder Mensch kann gerettet werden. Nicht jede Situation lässt sich kontrollieren. Das auszusprechen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Ehrlichkeit.“

Im Einsatz zähle das Team. Danach brauche es Menschen, die zuhören, Belastungen mit aushalten und dableiben und zwar auch dann, wenn die unmittelbare Gefahr längst vorüber ist. Der katholische Diakon und Notfallseelsorger Mario Puliafito griff diesen Gedanken auf: „Wer anderen hilft, darf selbst Hilfe brauchen!“

Den biblischen Satz „Einer trage des anderen Last“ verstand er nicht als Aufforderung, immer noch mehr leisten zu müssen. Vielmehr gehe es darum, füreinander da zu sein, nachzufragen und nicht wegzusehen, wenn sich jemand verändert. Seine Botschaft an die Einsatzkräfte: „Du musst da nicht allein durch.“

Damit rückte auch die Notfallseelsorge in den Mittelpunkt. Sie begleitet Menschen nach belastenden und traumatischen Ereignissen. Doch auch diejenigen, die anderen in Krisensituationen beistehen, brauchen selbst Menschen, die für sie da sind.

Eine Kerze für das, was Menschen bewegt

Der Gottesdienst bot Raum für Erinnerungen, Trauer und persönliche Belastungen. Am Kerzenkreuz konnten Besucherinnen und Besucher eine Kerze entzünden – für einen Menschen, für einen Einsatz, der Spuren hinterlassen hatte oder für etwas, das sie selbst beschäftigte. Wer wollte, konnte sich außerdem persönlich segnen lassen. Niemand musste dafür erklären, was ihn oder sie bewegte.

Die Frage, was Menschen im Einsatz trägt und wer für sie da ist, setzt sich in der Wanderausstellung „BLAULICHT – Eine Ausstellung über Menschen im Einsatz und die Kraft, die sie trägt“ fort. Sie wurde beim Gottesdienst in der St.-Johannis-Kirche erstmals öffentlich präsentiert und ist im Auftrag des Sprengels Lüneburg entstanden.

Unter dem Leitgedanken „Menschen. Einsatz. Begleitung.“ verbindet die Ausstellung fotografische Porträts mit persönlichen Geschichten aus Einsatzorganisationen und der Seelsorge. Der Lüneburger Fotograf Mathias Mensch hat das Projekt umgesetzt.

Einer der Porträtierten ist Pastor und Notfallseelsorger Bernd Paul. Seine Aufgabe sieht er darin, Menschen nach einer Katastrophe zu stabilisieren und ihnen in einer Ausnahmesituation beizustehen. Wie nahe ein Einsatz auch den Begleitenden gehen kann, zeigt seine Erinnerung an den Tod eines Kindes, das ungefähr so alt war wie sein eigener Sohn.

Die Ausstellung erzählt von Verantwortung, Erschöpfung und Grenzerfahrungen, aber auch von Hoffnung, Glauben und gegenseitiger Unterstützung. Sie richtet den Blick auf Menschen, deren Arbeit oft im Verborgenen bleibt – und auf das, was sie stärkt, wenn ein Einsatz Spuren hinterlässt.

Nach ihrer ersten Präsentation in Lüneburg soll die Wanderausstellung an weiteren Orten im Sprengel Lüneburg und darüber hinaus zu sehen sein.

Über den Ökumenischen Blaulichtgottesdienst:

Der ökumenische Blaulicht-Gottesdienst in der St.-Johannis-Kirche Lüneburg ist ein Gottesdienst für haupt- und ehrenamtliche Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten und Hilfsorganisationen. Er richtet sich außerdem an Mitarbeitende der Notfallseelsorge, Angehörige und weitere Interessierte.

Der Gottesdienst wird vom Sprengel Lüneburg der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers gemeinsam mit katholischen Partnern gestaltet. Er eröffnet traditionell den Lüneburger Blaulichttag und bietet Raum für Dank, Erinnerung, Gebet und persönliche Ermutigung.

Ausleihe Wanderausstellung „BLAULICHT“

Die Wanderausstellung „BLAULICHT – Eine Ausstellung über Menschen im Einsatz und die Kraft, die sie trägt“ stellt Einsatzkräfte und Menschen aus der Notfallseelsorge in fotografischen Porträts und persönlichen Geschichten vor.
Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Mathias Mensch im Auftrag des Sprengels Lüneburg. Unter dem Leitgedanken „Menschen. Einsatz. Begleitung.“ thematisiert sie die Herausforderungen des Einsatzalltags, psychische Belastungen, Verantwortung und die Bedeutung von Begleitung und Zusammenhalt.

Die Ausstellung soll künftig an weiteren Orten im Sprengel Lüneburg und darüber hinaus gezeigt werden. Zu sehen ist sie noch bis zum 2. Dezember 2026 in der St.-Johanniskirche Lüneburg.

Bei Interesse an der Ausstellung melden Sie sich bitte im Büro der Regionalbischöfin: regionalbischoefin.lueneburg@evlka.de

Anne-Katrin Schwanitz