„Wir können zeigen, dass eine andere Welt möglich ist“

Bundesweite Delegiertenversammlung des Gustav-Adolf-Werkes in Loccum
Viele Menschen bei einer Tagung in einem Saal
Bild: Maaja Pauska / GAW

Das Gustav-Adolf-Werk kümmert sich um die Rechte protestantischer Minderheitskirchen in 40 Ländern der Welt. Internationale Impulse zum Thema Partnerschaft gab es jetzt bei einer bundesweiten Delegiertenversammlung in Loccum.

Info

Das Gustav-Adolf-Werk ist das älteste evangelische Hilfswerk in Deutschland, gegründet 1832 in Leipzig. Es tritt ein für das Recht protestantischer Minderheitskirchen, ihren Glauben in Freiheit zu leben. Das GAW hilft religiösen Minderheiten in 40 Ländern der Welt. Partner sind 50 protestantische (lutherische, reformierte, unierte) Minderheitskirchen in Europa, Lateinamerika und Asien.

Loccum. Wie lassen sich Partnerschaft und Solidarität leben, wenn grundlegende Werte von Politik, Algorithmen und Massenmedien in Frage gestellt werden? Um diese und ähnliche Fragen ging es bei einer bundesweiten Delegiertenversammlung des Gustav-Adolf-Werks (GAW), die am Mittwoch in der Evangelischen Akademie Loccum zu Ende ging. 48 Delegierte aus verschiedenen Landeskirchen waren zu Gast beim GAW Hannover und der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

In vielen Ländern dominiere eine „Egomanie der Mächtigen“, sagte der argentinische Theologe Nicolás Rosenthal, Direktor der Stiftung „Hora de Obrar“ für soziale Gerechtigkeit. „Superreiche fühlen sich für die wachsende Ungleichheit nicht verantwortlich, sie empfinden Solidarität als Diebstahl an Privateigentum.“ Rosenthal machte deutlich, dass internationale Partnerschaft von der gemeinsamen Überzeugung getragen wird: „Wir sitzen alle in einem Boot und können uns nur gemeinsam retten. Wir können zeigen, dass eine andere Welt möglich ist, wenn wir uns in Liebe und nicht im Hass zusammenschließen.“

Pfarrerin Annika Laats aus Estland betonte, dass Partnerschaft „zum Kern des Evangeliums“ gehöre. Sie sei keine Einbahnstraße, bei der die einen etwas geben und die anderen etwas empfangen, sondern sie geschehe auf Augenhöhe. „Manche bringen vielleicht kein Geld, aber dafür eine besondere Spiritualität mit.“ Laats warb zudem dafür, sich von sinkenden Mitgliederzahlen nicht entmutigen zu lassen: „Auch wenn die Kirche kleiner wird, sollten wir nicht klein denken. Gott ist nicht kleiner geworden.“

Eine als Mann lesbare Person spricht in einer Kirche an einem Redepult
Bild: Maaja Pauska / GAW
Landesbischof Ralf Meister rief im Gottesdienst zur Eröffnung der Delegiertenversammlung des Gustav-Adolf-Werks in Loccum zum beharrlichen Einsatz für benachteiligte Menschen weltweit auf.
Zwei als Frauen und eine als Mann lesbaren Personen vor einem Rollup
Bild: Maaja Pauska / GAW
Pfarrerin Annika Laats (Estland), Ágnes Pattantyús (Diakonia Cluj, Rumänien) und Nicolás Rosenthal (Diakonie Hora de Obrar, Argentinien) beleuchteten verschiedene Aspekte kirchlicher Partnerschaften.

Dass partnerschaftliche Verbindungen weit über materielle Hilfen hinausgehen, unterstrich auch Ágnes Pattantyús. Die Auslandsreferentin der rumänischen Diakoniestiftung „Diakonia Cluj“ schilderte aus ihrer täglichen Arbeit: „Menschen, die an ganz unterschiedlichen Orten der Welt geboren wurden, begegnen einander, schätzen einander und entdecken, dass es zu ihrer universellen menschlichen Verantwortung gehört, auch für Menschen in Not an anderen Orten einzustehen.“

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hatte in einem Gottesdienst im Kloster Loccum zum Auftakt der Delegiertenversammlung zu einem beharrlichen gesellschaftlichen und humanitären Einsatz für benachteiligte Menschen weltweit aufgerufen. „Die Suche nach Gerechtigkeit und Frieden braucht keine Flaneure, sie braucht Engagement und Einsatz“, sagte Meister. Glaube zeige sich vor allem im konkreten Handeln für Menschen, die unter Unterdrückung, Armut oder Krieg litten.

Die Partnerkirchen in repressiven oder krisengeschüttelten Regionen zeigten, welche Ausdauer und Zuversicht nötig seien, sagte Meister. Dies führe vor Augen, welche Haltung man hierzulande „in der Komfortzone als eine der reichsten Kirchen weltweit längst verloren“ habe. Unterstützung dürfe deshalb kein herablassender Dienst von Privilegierten sein, sondern müsse als partnerschaftliche Solidarität gelebt werden.

Konkrete Hilfe statt Resignation

Meister warnte vor Resignation angesichts der weltweiten Krisen und rief zu einem nüchternen Pragmatismus auf. „Wir retten nicht die Welt! Wir wirken hinein in konkrete Situationen“, unterstrich er. Jede gezielte Unterstützung für traumatisierte Kinder oder Notleidende in zerstörten Regionen sei ein notwendiger Protest gegen Hoffnungslosigkeit.

Christliche Initiativen müssten mutig für ein besseres Leben eintreten, auch wenn die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen widrig seien. „Unsere Energie als Christinnen und Christen entspringt einem Glauben an das Unmögliche – damit wir mit unserer Kraft das Mögliche tun“, hob der Landesbischof hervor. Hoffnung bedeute kein naives Schönreden der Wirklichkeit, sondern aktiven Widerstand gegen scheinbar übermächtige Missstände.

Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet das Gustav-Adolf-Werk. Die Delegierten votierten einstimmig für einen Projektkatalog für das Jahr 2027 mit einem Volumen von 1,9 Millionen Euro für insgesamt 104 Projekte in den Partnerkirchen des GAW auf drei Kontinenten.

Lothar Veit (mit epd)