Kirchliche Expertin: VW-Krise bedroht soziale Stabilität

Verkehrsampeln auf dem Gelände eines Volkswagenwerks
Bild: epd-bild/Detlef Heese

Der massive Stellenabbau beim Volkswagen-Konzern gefährdet aus Sicht der kirchlichen Wirtschaftsbeauftragten Laura Bekierman das Vertrauen in die Industrie. Unternehmen und Politik müssten den Wandel sozial verantwortlich gestalten.

Eine als Frau lesbare Person mit schulterlangen braunen Haaren
Bild: Nico Herzog
Laura Bekierman

Hannover, Wolfsburg. Der Stellenabbau bei Volkswagen kann der kirchlichen Beauftragten für Wirtschaft, Laura Bekierman, zufolge tiefgreifende soziale Folgen haben. „Wenn industrielle Arbeitsplätze wegfallen oder ihre Zukunft unsicher wird, betrifft das deshalb nicht nur einzelne Beschäftigte, sondern die soziale Stabilität ganzer Regionen“, sagte Bekierman dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die einstige Erwartung einer lebenslangen Beschäftigung und die damit verbundene Sicherheit trage nicht mehr.

Gerade in industriell geprägten Räumen schwäche die aktuelle Entwicklung das Vertrauen in Wirtschaft, Politik und gesellschaftliche Institutionen, betonte die Expertin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Dies werfe grundlegende wirtschaftsethische Fragen auf. „Wirtschaftlicher Erfolg darf nicht ausschließlich über kurzfristige Kostensenkung definiert werden.“ Ein Wandel sei dann sozial verantwortlich, wenn auch die Menschen, ihre Qualifikationen und die Zukunft ganzer Regionen in den Blick genommen werde.

Belastung durch Ungewissheit

Bereits die Ungewissheit über die Zukunft des eigenen Standorts oder Berufsfelds übe erheblichen psychischen Druck auf die Beschäftigten aus, sagte Bekierman. „Besonders belastend ist dabei häufig nicht nur die Veränderung selbst, sondern auch das Gefühl, keinen Einfluss darauf zu haben.“ Von den Unternehmen verlangte die Expertin deshalb eine frühzeitige Orientierung, echte Beteiligung und verlässliche Perspektiven für die Belegschaft.

Auch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer seien gefordert, sich weiterzubilden und Veränderungen aktiv zu begegnen. „Gleichzeitig darf Eigenverantwortung nicht mit Alleinverantwortung verwechselt werden“, unterstrich Bekierman. Beschäftigte bräuchten Zeit und Unterstützung bei der Weiterentwicklung. Politik, Gewerkschaften und Kirchen könnten dazu beitragen, psychische Belastungen zu reduzieren und Beschäftigte handlungsfähig zu halten.

Chancen für Standorte

Trotz der aktuellen Einschnitte sieht Bekierman Chancen für die betroffenen Standorte. Als Beispiel nannte sie das Ruhrgebiet, das sich Schritt für Schritt von einer Montanregion zu einer diversifizierten Wirtschafts- und Wissensregion gewandelt habe, auch wenn dieser Prozess langwierig und nicht überall erfolgreich gewesen sei. Sicherheit könne auch bedeuten, künftig darauf vertrauen zu können, eine Veränderung bewältigen zu können – und dabei nicht alleine zu sein.

epd-Gespräch: Charlotte Morgenthal