Rechtsruck, Zukunftsängste und mentale Belastungen beschäftigen viele junge Menschen. Beim Landesjugendcamp in Verden sollen sie Gemeinschaft erleben, Kraft schöpfen und über ihre Lebenswirklichkeit ins Gespräch kommen.
Verden, Hannover. An diesem Donnerstag, 11. Juni, startet auf dem Sachsenhain bei Verden das evangelische Landesjugendcamp 2026 der hannoverschen Landeskirche. Bis zum Sonntag werden dort rund 1.500 Jugendliche ab 14 Jahren erwartet, die sich mit Fragen der Gegenwart beschäftigen wollen. Für junge Menschen kann das Camp eine Chance sein, in Zeiten hektischer Veränderungen und Krisen zur Ruhe zu kommen, sagte Landesjugendpastorin Miriam Heuermann (auf dem Foto mit Marten Siegmund, Vorsitzender der Landesjugendkammer) im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Frau Heuermann, wie beschreiben Sie das Landesjugendcamp in drei Worten?
Miriam Heuermann: Lebendig, wertvoll und intensiv. Mehr als 300 Haupt- und Ehrenamtliche werden den jungen Menschen eine tolle Zeit ermöglichen. Die meisten der 48 Kirchenkreise der Landeskirche werden sich beteiligen.
Was genau ist geplant?
Heuermann: Zu den Highlights zählen sicherlich ein Taizé-Gottesdienst und die große Disco. Außerdem ist eine Podiumsdiskussion mit Menschen aus der Politik und der Kirche zur Zukunft von Kirche und Gesellschaft geplant. Dabei sollen zentrale Fragen zur Lebensrealität junger Menschen diskutiert werden. Unter anderem geht es um Rahmenbedingungen für ein gelingendes Aufwachsen, um Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Auch die aktuelle Debatte um eine mögliche Wehrpflicht wird eine Rolle spielen.
Welche Themen beschäftigen derzeit die Jugendlichen besonders stark?
Heuermann: Ein großes Thema ist der Rechtsruck in Politik und Gesellschaft. Die rechten Parteien wissen sehr genau, dass gerade die Jugendverbände ihnen widersprechen. Die Jugendkammer der hannoverschen Landeskirche hat erst kürzlich einen Unvereinbarkeitsbeschluss gefasst: Die Mitgliedschaft in der AfD oder das Werben oder Kandidieren für die AfD ist damit ein Grund für den Ausschluss aus der evangelischen Jugend.
Das andere Thema ist die Wehr- oder Dienstpflicht. Das von der Bundesregierung angestrebte System wirbt mit Freiwilligkeit. Aber die ist es nicht: Während es bei der Bundeswehr ein ansehnliches Gehalt gibt, wird ein Freiwilliges Jahr lediglich mit einem Taschengeld vergütet. Das bedeutet konkret: Ein Freiwilliges Jahr ist also nur möglich, wenn meine Eltern mich währenddessen weiterfinanzieren.
Ein weiteres relevantes Thema die Frage nach Beteiligung. Weil es in einer alternden Gesellschaft vergleichsweise wenige junge Menschen gibt, sind sie in Gremien oft nicht vertreten und fühlen sich entsprechend nicht gehört. Dies führt zur Demokratieverdrossenheit. Um dem entgegenzuwirken, wird es immer wichtiger werden, sie stärker in alle gesellschaftlichen Prozesse und Entscheidungen einzubeziehen.
Mit welchem Lebensgefühl sind die jungen Menschen derzeit unterwegs?
Heuermann: Wir erleben eine Generation, die durch die Polykrisen der vergangenen Jahre wahnsinnig gebeutelt ist. Darunter fallen Corona, der Ukrainekrieg und die wirtschaftliche Situation. Zusätzlich steht in vielen Familien immer weniger Geld zur Verfügung, weil alles teurer geworden ist.
Wir sehen, dass die mentale Gesundheit junger Menschen frappierend schlecht ist. Die von den Sozialen Medien geprägte Schnelllebigkeit in der Gesellschaft hat rasant zugenommen. Für uns bedeutet das: Die jungen Menschen brauchen auch auf dem Landesjugendcamp viel mehr Möglichkeiten, sich ausruhen zu können als in früheren Jahren. Es wird Seelsorgeteams geben, die über den Platz gehen und ansprechbar sind. Da ist der Bedarf massiv gestiegen.
Wie nimmt das Camp diese Fragen und Herausforderungen an?
Heuermann: Das Jugendcamp ist für viele ein Freiraum, in dem ein bisschen weniger Krise ist. Es kann ein Ort sein, an dem Glaube gelebt wird und wo junge Menschen einfach Spaß haben. Das Leben ist schon schwer genug, da darf mal eine Auszeit sein.
Was können die Jugendlichen bestenfalls von dem Camp mit nach Hause nehmen?
Heuermann: Im besten Fall gehen Sie mit mehr Energie nach Hause als sie zum Camp mitgebracht haben, und können hinterher sagen: Das hat meiner Seele gut getan! Und wenn sie erlebt haben, dass sie mit ihrem Glauben nicht allein sind!