Landeskirchenmusikdirektor: Jeder Mensch kann singen

Bild: Jens Schulze/Landeskirche Hannovers

Singen baut Stress ab und führt zu innerem Einklang: Davon ist Benjamin Dippel überzeugt. Der 46-Jährige ist evangelischer Landeskirchenmusikdirektor in Hannover und Leiter des ersten kirchlichen Mitsingfestivals in Niedersachsen.

Hannover. „Wer singt, blüht auf“: So lautet das Motto des ersten landesweiten Mitsingfestivals der evangelischen Landeskirche Hannovers. An rund 250 Orten quer durch Niedersachsen werden dabei Tausende von Menschen bis zum 25. Mai bei mehr als 370 Veranstaltungen ihre Stimme erheben, begleitet von rund 8.500 Musikerinnen und Musikern. Die Leitung des Festivals hat Landeskirchenmusikdirektor Benjamin Dippel zusammen mit dem Team von „Vision Kirchenmusik“. Er ist überzeugt: Singen ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis und setzt Glückshormone frei.

Herr Dippel, von Rudelsingen oder Stadionsingen hört man immer öfter, von Karaoke sowieso. Wird Singen gerade wieder „cool“?

Benjamin Dippel: Ich glaube nicht, dass Singen je an Attraktivität verloren hat. Eher sind wir in unserem Kulturkreis zu einer Gesellschaft von Nichtsängern geworden – wir lassen eher singen, statt selbst zu singen. Dabei ist das Bedürfnis, sich musikalisch auszudrücken, mit Körper, Emotion und Gemeinschaft, sehr grundlegend. Singen kann das wie kaum eine andere Ausdrucksform. Neue Formate greifen dieses Bedürfnis wieder auf und machen es sichtbarer. Genau das wollen wir auch mit unserem Mitsingfestival erreichen.

Beobachten Sie aktuell eine neue Lust am Singen?

Dippel: Ja, die sehe ich. Besonders nach der Pandemie ist das Bedürfnis gewachsen, wieder gemeinsam etwas zu erleben. Formate wie Yoga im Park haben gezeigt, wie stark solche Angebote angenommen werden. Warum also nicht auch gemeinsames Singen? Unser Festival folgt genau dieser Idee: Menschen zusammenbringen. Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft körperbewusster geworden. Singen passt dazu, weil es dem eigenen Körper guttut und zugleich ein gemeinschaftliches Erlebnis schafft.

Sie sagen beim Festival: „Wer singt, blüht auf.“ Was passiert beim Singen?

Dippel: Singen baut Stress ab und setzt Glückshormone frei. Atmung und Herzschlag kommen in einen ruhigen, gemeinsamen Rhythmus, man findet zu einer Art innerem Einklang. In der Gruppe kommt eine weitere Ebene hinzu: Man hört aufeinander, reagiert aufeinander. Das schafft Nähe, Vertrauen und Geborgenheit. Gleichzeitig ist Singen sehr niedrigschwellig. Es verbindet Menschen unabhängig von Herkunft, Alter oder musikalischer Erfahrung – und stärkt so auch das eigene Körpergefühl.

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Muss man Noten lesen können, um bei Ihnen mitzusingen?

Dippel: Nein, ausdrücklich nicht. Unsere Angebote sind bewusst niedrigschwellig. Man kann einfach kommen, zuhören oder mitsingen. Niemand wird zu etwas gezwungen. Wir haben mehr als 370 Veranstaltungen, begleitet von rund 8.500 Musizierenden. Sie nehmen die Menschen mit und schaffen eine offene Atmosphäre. Wenn jemand dadurch Lust aufs Singen bekommt, haben wir unser Ziel erreicht.

Singen Sie nur Bach und klassische Kirchenlieder?

Dippel: Auch – aber nicht nur. Das Programm ist bewusst breit angelegt. Es reicht von Kirchenliedern bis zu Popmusik und aktuellen Radiosongs. Wir probieren unterschiedliche Formate aus und bedienen viele musikalische Genres. Diese Vielfalt ist uns wichtig. Und die Liedauswahl ist bunt: von Volksliedern wie „Der Mond ist aufgegangen“ bis zu Popsongs oder alter Musik. Wir kombinieren auch ungewöhnliche Besetzungen, etwa Band und Truhenorgel. Diese Offenheit und das Crossover sind eine große Chance.

Viele Menschen verbringen viel Zeit vor Bildschirmen. Gibt es wieder eine Sehnsucht nach unmittelbaren Erlebnissen wie dem Singen?

Dippel: Ja, die sehe ich deutlich. Menschen wollen wieder analoge Erfahrungen machen, gemeinsam etwas erleben, das im Moment entsteht. Dieses Live-Erlebnis, selbst Teil davon zu sein, hat an Bedeutung gewonnen.

Viele Menschen sagen: Ich kann nicht singen. Oft sind es Männer. Was entgegnen Sie?

Dippel: Jeder Mensch kann singen – es ist nur eine Frage der Übung. Unsere Stimme gehört zu uns. Es geht darum, sich behutsam heranzutasten. Mit guten pädagogischen Methoden kann man Menschen dort abholen, wo sie stehen, und ihnen Sicherheit geben. Es geht nicht um Perfektion, sondern darum, den eigenen Zugang zu finden.

Also einfach mitgrölen?

Dippel: In manchen Situationen ist genau das richtig. In einem Chor gelten natürlich andere Ansprüche als beim offenen Singen. Aber selbst in lockeren Gruppen entsteht oft der Wunsch, gut zusammenzuklingen. Es geht nicht zuerst um professionelle Technik, sondern um den gemeinsamen Klang. Dieser Wille ist fast immer da, auch bei niederschwelligen Angeboten.

epd-Gespräch: Michael Grau