„Der Wert des Menschen hängt nicht an seiner Leistung“

Wort des Landesbischofs zum Maifeiertag
Eine als Mann lesbare Person mit Sakko und weißem Hemd steht vor einem historischen Gebäude hinter einem Rosenstrauch.
Bild: Insa Hagemann

Heute ist der 1. Mai. Für viele ein freier Tag mit Zeit für die Familie und Freunde, vielleicht beim Picknick oder auf einer Fahrradtour, um die Maibäume in den umliegenden Dörfern zu bewundern. Andere gehen auf die Straße: In über 50 Städten in Niedersachsen finden die traditionellen Kundgebungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes statt.

„Erst unsere Jobs, dann eure Profite.“ Mit diesem Motto setzt der DGB in diesem Jahr einen klaren Akzent. Es ist mehr als eine Parole. „Erst unsere Jobs“ ist ein Ruf nach Sicherheit in einer Zeit, die Menschen zutiefst verunsichert.  Arbeitsplätze wandeln sich oder gehen verloren, Lebenshaltungskosten steigen, der Leistungsdruck nimmt zu. Viele erleben, dass ihre Arbeit selbstverständlich erwartet wird, aber nicht im gleichen Maß Schutz und Anerkennung erfährt.

Kirchen und Gewerkschaften haben unterschiedliche Rollen. Aber beide wollen Menschen stärken und Zukunft ermöglichen. Sie berühren sich in einer grundlegenden Frage: Was trägt Menschen, wenn sich Lebensbedingungen verändern?

In der biblischen Tradition hat Arbeit einen hohen Rang. Der Mensch tritt dort nicht als Zuschauer der Welt auf, sondern als jemand, der sie mitgestaltet. Arbeit kann Sinn geben, Zeit strukturieren und Erfüllung ermöglichen. Zugleich geht sie über Erwerbsarbeit hinaus: Sorgearbeit, Erziehung, Pflege und ehrenamtliches Engagement tragen das gesellschaftliche Leben oft im Verborgenen, aber entscheidend.

Gleichzeitig zeichnet die Bibel kein idealisiertes Bild von Arbeit. Sie kennt Überforderung und Ungerechtigkeit, sie erzählt von Menschen, die an ihrer Arbeit zerbrechen. Und sie zieht eine klare Grenze: Der Wert jedes Menschen hängt nicht an seiner Leistung. „Gott schuf den Menschen zu seinem Bild“ (Gen 1,27). Seine Würde liegt nicht in dem, was er hervorbringt. Als Geschöpf Gottes ist jeder Mensch unverfügbar wertvoll.

Die Forderung der Gewerkschaften und der biblische Begriff der Arbeit sind einander nah. Und beide halten die Hoffnung wach, dass unsere gesellschaftliche Wirklichkeit anders werden kann.

Landesbischof Ralf Meister