„Wir brauchen den Weltfrauentag!“

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Susanne Paul, Referentin für die Arbeit mit Frauen und Beauftragte für Genderfragen in der Evangelischen Agentur der Landeskirche Hannovers, sagt zum Weltfrauentag:

Auch wenn manche den Internationalen Frauentag eher kritisch sehen, weil doch schon so viel erreicht ist und weil die Frauen es doch nun mal gut sein lassen könnten: wir brauchen diesen Tag!

Immer noch leisten Frauen weiterhin den Großteil unbezahlter Sorgearbeit, verdienen im Durchschnitt weniger als Männer und sind in politischen wie wirtschaftlichen Machtpositionen deutlich unterrepräsentiert. Und gleichzeitig erleben wir, wie Errungenschaften, die Frauen erkämpft haben, zurückgedrängt werden: reproduktive Rechte werden eingeschränkt, häusliche Gewalt, Femizide, frauenverachtende Sprache in Social Media nehmen zu und viele Frauen und immer mehr queere Personen erleben sexualisierte Gewalt.

Auch unsere Kirche ist Teil dieser Realität. Die Fragen, wie ein machtsensibler Umgang möglich ist, wie Geschlechterstereotype überwunden werden können, wie Menschen mit ihren Anliegen einen sicheren Raum finden, stellen sich auch bei uns.

Das Evangelium gibt uns eine besondere Verantwortung: Jesus selbst stellte sich an die Seite derer, die an den Rand gedrängt wurden. Er hörte Frauen zu, stärkte sie, traute ihnen Verantwortung zu und durchbrach gesellschaftliche Hierarchien. Daraus folgt unsere Aufgabe, Macht kritisch zu hinterfragen, für Gerechtigkeit einzutreten und solidarisch mit denen zu sein, die ausgeschlossen, beschimpft und missbraucht werden. Eine Kirche, die glaubwürdig sein will, muss Diskriminierung klar benennen und überwinden – auch dort, wo sie eigene Strukturen betrifft. Und die feministische Theologie zeigt, dass sich Gott nicht auf patriarchale Bilder festlegen lässt. Gottes Gerechtigkeit ist befreiend für alle, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung oder Lebensform.

Und gleichzeitig erinnert uns dieser Tag auch daran, dass wir auf den Schultern der Frauen stehen, die für uns unter großen Entbehrungen und Verletzungen vieles erkämpft haben, was uns heute selbstverständlich ist. Die ersten Pastorinnen erzählen davon genauso, wie die ersten Bundestagsabgeordneten und all die anderen, die die ersten gewesen sind. Auch dies sollten wir gerade in diesen Zeiten nicht vergessen, in denen gesellschaftliche Kräfte daran arbeiten, das Rad zurückzudrehen. Auch hier haben wir eine Verantwortung, uns dafür einzusetzen, dass diese Kräfte kein leichtes Spiel haben.

Susanne Paul