„Wir wollen ‚Anfänge im Glauben‘ in Schwung bringen.“

Serie: Was macht eigentlich eine Landessynode? / Interview mit Martin Steinke
Eine männlich lesbare Person am Rednerpult
Bild: Jens Schulze/Landeskirche Hannovers

Die Landessynode leitet als eines von fünf kirchenleitenden Gremien der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers die Geschicke unserer Landeskirche. Bevor sich Mitte Februar die neue Synode bildet, stellen wir einige ausscheidende Mitglieder und ihre Arbeitsschwerpunkte vor.

Herr Steinke, 18 Jahre lang waren Sie Mitglied der Landessynode, 12 davon auch im Landessynodalausschuss. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Martin Steinke: Das war für mich insgesamt eine tolle Zeit. Ich bin Gemeindepastor mit Leib und Seele, aber mir war auch immer wichtig, über den Tellerrand zu blicken. Anfangs war es ganz schön schwierig, in die synodale Arbeit reinzukommen. Ich habe mit manchem etwas gefremdelt. Zum Beispiel mit der Anrede „Hohes Präsidium“ oder „Werte Konsynodale“. Wie man eben im Parlament so spricht. Daran habe ich mich gewöhnt, und vieles ist heute auch ein bisschen lockerer geworden.

Ich fühlte mich anfangs ein bisschen wie ein kleines Rad und hab mich nach der Mitte der ersten Periode gefragt: Ändert es überhaupt etwas, ob ich hier nun sitze oder nicht? Die Initialzündung war für mich dann die Bischofswahl 2010. Ich habe gemerkt, wie ich doch mit ganz Vielem verbunden bin und mitentscheiden kann.

Was zurückblickend wirklich schwierig war, war diese letzte Runde, die 26. Landessynode. Nicht wegen der Inhalte, sondern wegen der Corona-Pandemie. Die Synode hatte kaum eine Chance, sich richtig kennen zu lernen. Der persönliche Kontakt und die informellen Gespräche zwischen den Sitzungen, in denen sonst so viel passiert, haben gefehlt. Wir haben per Zoom auf die Kacheln geguckt und dann wieder allein zu Hause gesessen. Gefühlt sind wir anders als sonst bis zum Schluss nicht so richtig zusammengewachsen.

Welche Entscheidungen oder Entwicklungen bleiben Ihnen denn aus den letzten 18 Jahren im Kopf?

Steinke: Da ist zum einen auf jeden Fall die Kirchenverfassung, die wir am Ende der 25. Landessynode beschlossen haben. Die hat Vieles erneuert und noch mal sehr viel offener gestaltet. Es gibt mehr Möglichkeiten zur Teilhabe und neue Formen kirchlichen Lebens. Wir waren stolz, dass wir das innerhalb einer Synode geschafft haben. Man fragt sich manchmal, ob sechs Jahre Amtsperiode nicht zu lang sind. Die Menschen in den Gemeinden und Kirchenkreisen wundern sich oft, warum alles so lange dauert. Ich musste auch lernen, dass es dauert, bis eine neue Synode ins Arbeiten kommt. Wir haben viel verändert in diesen letzten Jahren, aber es braucht eben Zeit, bis zum Beispiel ein Klimaschutzgesetz oder ein Ehrenamtsgesetz verabschiedet werden können, weil viele Ebenen daran mitbeteiligt sind.

Als zweites großes Thema fällt mir der Zukunftsprozess ein. Uns ist allen bewusst, dass Kirche sich verändern muss. Aber niemand kann genau sagen, wie die Zukunft aussehen wird. Einen Prozess aufzusetzen, bei dem wir alle mitgehen, ist sehr schwierig. Wir haben teilweise heftig gerungen und waren nicht immer einer Meinung. Wir haben manches versucht und verworfen. Und haben jetzt sozusagen einen „Zukunftsprozess 2.0“ begonnen. Was ich toll finde ist, dass wir jetzt über Inhalte reden! Wie können Anfänge im Glauben gelingen und noch mehr offene Räume für Begegnung geschaffen werden? In vielen Kirchenkreisen haben die Gespräche darüber schon begonnen. Jetzt hoffe ich, dass es damit an der Basis weitergeht.

In den letzten beiden Amtsperioden waren Sie Mitglied im Landessynodalausschuss (LSA), zuletzt auch als stellvertretender Vorsitzender. Was hat sich dort in den letzten Jahren bewegt?

Steinke: Der Landessynodalausschuss ist ja das Gremium, das die Geschäfte der Landesynode führt, wenn diese nicht zusammentritt, im Grunde also fast das ganze Jahr über. Er sorgt dafür, dass die Beschlüsse der Landessynode ausgeführt werden. Wir wirken bei der Rechtssetzung und der Haushaltsführung mit. Der LSA beruft auch die neue Landessynode ein, deswegen bin ich im Februar bei der ersten Tagung der neuen Synode nochmal dabei.

Ein großes Thema war in den letzten Jahren immer wieder die interne Kommunikation in unserer Kirche. Als kirchenleitendes Organ sind wir im LSA in engem Austausch mit den anderen Organen wie dem Landesbischof, dem Bischofsrat und dem Landeskirchenamt. Mir war es immer wichtig, dass wir auf Augenhöhe miteinander an einem Strang ziehen und deshalb in alle wichtigen Entscheidungen von Anfang an einbezogen sind. Wenn wir nicht einer Meinung waren, haben wir unsere Ansicht gesagt und haben geguckt, welchen Weg wir gemeinsam finden.

Grundsätzlich habe ich festgestellt, dass es das ursprünglich wohl größere Gegeneinander der beiden Synodalgruppen, die auch im LSA in etwa paritätisch vertreten sind, nicht mehr gibt. Die Einteilung dieser Gruppen in Konservative und Liberale hat sich längst überlebt. Ich habe mich immer in der Gemeinschaft beider Gruppen sehr wohlgefühlt. Das Entscheidende im LSA war für mich ganz klar, dass dort Menschen sind, die etwas Gutes für unsere Kirche wollen und ihre Arbeit aus ihrem Glauben heraus machen.

Welche Fragen bleiben denn aus Ihrer Sicht für die neue Synode oder welche Fragen ergeben sich vielleicht auch neu?

Steinke: Viele nicht abgeschlossene Themen und Projekte in den Ausschüssen werden jetzt durch den LSA an die neue Synode übergeben. Ein entscheidendes Thema wird auf jeden Fall die Prävention sexualisierter Gewalt bleiben. In allen Gemeinden und Kirchenkreisen arbeiten wir daran, wie es gelingen kann, sichere Räume in unserer Kirche zu schaffen, sodass alle Menschen einen Ort finden, wo sie sein können – ohne Angst. Auch bei der Aufarbeitung ist noch einiges zu tun. Bei den letzten Tagungen hat uns zudem das Thema der Beteiligung Betroffener stark beschäftigt. Der hier eingeschlagene Weg ist noch längst nicht abgeschlossen. In all diesen Punkten liegt noch viel Arbeit vor uns.

Gespannt bin ich natürlich auch, wie es mit dem Zukunftsprozess weitergeht. Er sollte so offen gestaltet werden, dass viele Menschen gerne mitdenken und mitmachen.

Was möchten Sie denn den neuen Mitgliedern der Landessynode oder auch generell Menschen, die Kirche mitgestalten wollen, mitgeben? 

Steinke: Ich würde mir wünschen, dass die genauso starten, wie ich vor 18 Jahren: fröhlich und offen und gerne! Dass sie einfach mitbringen, was ihnen wichtig ist und sich nicht verbiegen. Und Zuhören ist wichtig! Kommunikation heißt als erstes zuhören und den oder die anderen wahrnehmen und ernst nehmen.

Man braucht auch Kraft und man braucht Durchhaltevermögen. Das Schöne ist, dass viele junge Menschen schon jetzt Verantwortung übernommen haben. Das freut mich! Ich glaube, dass sich Kirche immer auch durch die Menschen verändert, die neu kommen. Das war auch für mich der Grund, nicht mehr zu kandidieren. Ich habe noch Lust und auch noch Ideen, aber ich merke, jetzt ist es Zeit, die Neuen ran zu lassen und ihnen zu vertrauen! Wir brauchen Menschen, die ihren Glauben zuversichtlich leben und gerne in der Kirche arbeiten. 

Angélique Schienke-Bohn / EMA