Abschied von einem Licht in der Heide: Kirche in Loheide entwidmet

Eine Gruppe aus als Männer und Frauen lesbaren Personen steht im Altarraum einer Kirche.
Bild: Anne-Katrin Schwanitz

An einem Adventssonntag hat die kleine Kirche „Zum Guten Hirten“ in Lohheide zum letzten Mal geläutet. Regionalbischöfin Marianne Gorka hat das Gotteshaus entwidmet – nach 71 Jahren, in denen es für viele Menschen ein Ort von Glauben, Trost und Gemeinschaft war.

Loheide. Die Kirche „Zum Guten Hirten“ in der Siedlung Hasselhorst im gemeindefreien Gutsbezirk Lohheide war als Symbol des Neuanfangs nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Am 19. Dezember 1954, dem vierten Adventssonntag, wurde sie feierlich eingeweiht – genau 71 Jahre vor ihrer Entwidmung. Zunächst diente ein Klassenraum der neu errichteten Schule als Provisorium für Gottesdienste, wo Prädikant Seipold die seelsorgerische Betreuung übernahm. 

Die wachsende evangelisch-lutherische Gemeinde aus Geflüchteten und Vertriebenen – vor allem aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien – brauchte jedoch ein eigenes Haus Gottes inmitten des Truppenübungsplatzes Bergen-Belsen. Hier prägten Zwangsräumungen, militärische Präsenz und existenzielle Unsicherheit das Leben. Zeitgenössische Zeitungen priesen die Kirche als „Zufluchtsstätte für alle Mühseligen und Beladenen“ – einen geistlichen Gegenpol zur Härte der Zeit, der schnell zum Mittelpunkt von Gottesdiensten, Taufen, Trauerfeiern und Gemeindeabenden wurde.

In den 1950er-Jahren füllte sich die schlichte Kirche mit lebendigem Gemeindeleben. Ein großformatiges Altarbild des Bremer Kunstmalers Rudolf Schäfer stellte das Abendmahl dar, eine neue Orgel mit acht Registern und Glocken, die über die Heide hallten, bereicherten den Gottesdienst.

Die Gemeinde, organisatorisch der St.-Lamberti-Kirche in Bergen zugehörig, wuchs zeitweise auf rund 2.000 Mitglieder an und wurde zur „Wohnstube“ für Generationen von Familien. Namen wie die Familie Zieseni, Pastoren Hentsch, Seipold und Berndt prägten diesen Ort als Zuflucht vor der Isolation am NATO-Übungsplatz. Kinderchor, Frauenchor und Laienspiele machten die Kirche zum pulsierenden Herzen des Gutsbezirks Lohheide.

Seit August 2024 stand fest: Die Kirche muss gehen. Sanierungen im Umfang von 700.000 Euro sind für die schrumpfende Bergener Gemeinde unhaltbar. Pastor Axel Stahlmann teilte dies 60 Lohheidenern mit – Wehmut mischte sich mit der Erkenntnis eines möglichen Abrisses. „Für mich wäre es das Schlimmste, dass eine Kirche verfällt. Sie wäre dann ein unübersehbares Sinnbild für das, was im Moment mit der Kirche an sich passiert“, sagte er. Kein Denkmalschutz schützt das Gebäude; stattdessen Gespräche mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) um einen Kauf und Rückbau. Die Evangelische Landeskirche Hannovers prüft den Verkauf streng: „Die Kirche wird in der Wahrnehmung der Menschen immer eine Kirche bleiben.“

Am 21. Dezember 2025, erneut am vierten Adventssonntag, vollzog Regionalbischöfin Marianne Gorka die Entwidmung – ihren dritten Akt dieser Art in zwei Jahren. In einer berührenden und wertschätzenden Predigt erzählte sie die Kirchengeschichte entlang fiktiver, doch archetypischer Biografien realer Gemeindemitglieder, die die Lebenswege von drei Generationen beleuchteten. Hertha, die Vertriebene aus dem Osten, kam mit ihrem ererbten Brotteller („Unser täglich Brot gib uns heute“) an und fand Trost in der neuen Kapelle nach Flucht und Lagerleben. Ihr Sohn Fritz wurde unter Pastor Seipold konfirmiert, suchte im Schäferbild Ruhe („Den Seinen gibts der Herr im Schlaf“) und schätzte die Kirche als „gutes Gefühl“ in unsicheren Zeiten. Enkelin Marie liebte Jugendgruppen und träumte von einer Jugendkirche, während das alte Röhrenradio von Schlagerhits zu Ed Sheeran wechselte.

„Glaube muss nicht in Gebäuden gelebt werden“

„Es bricht einem das Herz“, bekannte Gorka und zitierte die Losung von 1954 aus Jeremia („Ihr seid alle abgefallen!“) sowie Jesus („Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, auf dass, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe“). Sie würdigte Taufbecken, Konfirmanden, Brautpaare und Verstorbene: „Hier haben Menschen Freude und Leid geteilt, sich im Glauben gestärkt – das fehlt und macht uns tief traurig, dass wir immer weniger werden.“ Dennoch Trost: „Um in Beziehung mit Gott zu sein, braucht es keine Mauern. Unser Gott geht mit uns mit.“

Diana Habermann, seit 1989 in Lohheide lebende Ehrenamtliche der St.-Lamberti-Gemeinde, sprach für viele Betroffene. „Glaube muss nicht in Gebäuden gelebt werden. Da bin ich auch ganz bei Frau Bischöfin Gorka. Aber es hilft ungemein, dass man, wenn man richtig in Not ist, sich vor wunderschöne Bilder wie diese hier in eine kleine Kirche gesetzt zu haben“, sagt sie.

Sie leitete sieben Jahre Kinderbibelstunden, gestaltete Schaukästen und verband die Kirche mit ihrer Familie: Ihr Sohn weckte sie als Kind mit „Mama, die Glocken läuten, die läuten für uns“. „Das ist die Wohnstube unserer Kirchen und so werde ich sie in Erinnerung behalten“, fasste sie zusammen. Beim Abräumen der Sakralien brach es ihr buchstäblich das Herz: „Dieser Tag ist für mich wirklich schlimmer als die Beerdigung meiner eigenen Mama.“ Dennoch Ausblick: „Wir glauben trotzdem weiter und die Gemeinschaft lebt – in Bergen und untereinander.“

Die Bima plant einen raschen Rückbau, einvernehmlich mit Kirche und Gemeinde, um Verfall zu verhindern. Lohheider pilgern künftig nach Bergen zu Pastor Stahlmann und Anna Wißann. Regionalbischöfin Gorka schloss: „Dieses Haus mit seinen 71 Jahren geht in den Ruhestand, prallvoll mit Erinnerungen. Auf dass niemand hier in der Finsternis bleibe!“ Die Kirche „Zum Guten Hirten“ bleibt Sinnbild einer Ära: Von Vertriebenen wie Hertha erbaut, von Generationen wie Fritz und Marie geliebt, nun Mahnung an schrumpfende Gemeinden. Gleichwohl gilt: Gott ist unterwegs – durch Heide, Herz und jenseits der Mauern.

Anne-Katrin Schwanitz