Kulturkirchen schaffen „Anfänge im Glauben"
Frau Köhler, Sie waren Mitglied der 24., 25. und 26. Landessynode und scheiden nach 18 Jahren aus der Synode aus. Sie waren engagiert in vielen Bereichen: von Kirchenmusik und Kultur über Mission und Ökumene bis Bildung. Wie blicken Sie auf diese Zeit?
Karin Köhler: Ich habe viel gelernt und ich habe die Arbeit sehr gern getan. Die erste Zeit war noch verwirrend, weil ich mich in landeskirchliche Strukturen erstmal einfinden musste.
Welche Entwicklungen bleiben Ihnen im Kopf?
Köhler: Ich fand es total wichtig, die Friedensorte einzurichten, wirklich aktiv Geld für den Frieden in die Hand zu nehmen. Die Orte wirken in die Zivilgesellschaft, in die Sozialräume – es wäre schön, wenn das noch weniger abhängig von den Haushaltsplänen würde. Wir haben auch die Kulturkirchen auf den Weg gebracht, die sich gut etabliert haben. Da gibt es rege Kooperationen mit außerkirchlichen Partnern, in Hildesheim zum Beispiel zwischen dem Literaturhaus und der Universität. Das schafft Berührungspunkte, auch für viele Menschen, die mit Kirche zunächst nicht viel zu tun haben. Sogar gestandene Schriftsteller sind beeindruckt von dem Ort und sagen: So eine Atmosphäre haben wir noch nie erlebt. Da verändert sich so viel im Spiel zwischen der Kunst und den Kirchenräumen. Da passieren wirklich „Anfänge im Glauben“. Und natürlich ist uns das Thema Sexualisierte Gewalt weiter im Kopf. Wir haben da, denke ich, schon einiges getan mit der Einrichtung der Fachstelle. Die Auseinandersetzung und die Begegnung mit Betroffenen ist immer zutiefst bewegend und manchmal schwer auszuhalten. Wir müssen weiter an transparenten Machtstrukturen arbeiten.
Kommen wir zurück auf Ihren Schwerpunkt, die Kultur. Wie beurteilen Sie, wo wir in Sachen Kultur als Landeskirche insgesamt stehen?
Köhler: Ich denke, wir sind ganz gut aufgestellt. Viele Menschen denken nicht mehr gemeindegebunden, es gibt eine große Flexibilität und der kommen wir mit den Kulturkirchen entgegen. Die Menschen, die dorthin kommen, zu Lesungen, Tanzaufführungen, Kunstausstellungen, sind quasi eine Gemeinde für sich. Temporär, nicht eng ortsgebunden. So kann Kirche der Zukunft aussehen: auch kirchenferneren Menschen abseits der alten Traditionen etwas anzubieten. Der eine mag die Predigt, die andere lässt sich durch Skulpturen, Musik, Tanz ansprechen. Schön ist auch, dass der synodale Ausschuss Kirchenmusik und Kultur zusammenfasst, das passt wunderbar. Der Verkündigungscharakter von Kirchenmusik wurde explizit festgestellt. Dass Kirchenmusikerinnen und -musiker nun auf landeskirchlicher Ebene angestellt werden können, ist ein schöner Erfolg. Überhaupt ist die Musik so wichtig und ihre Vielfalt erstaunlich. Die Posaunenchorarbeit zum Beispiel ist die größte Bildungsarbeit für junge Menschen in der Fläche der Landeskirche. Es gibt derartig viele Chöre auch in kleinen Orten, das kann man nicht hoch genug werten.
Wie sollte es im Kulturbereich weitergehen?
Köhler: Ich finde wichtig, dass der neue Ausschuss sich vor Ort ein Bild der Arbeit von Kulturkirchen so wie auch den Friedensorten macht. Wir haben das in dieser Legislatur neu eingeführt, denn die Arbeit vor Ort zu sehen, überzeugt nochmal mehr als die reine Aktenlage. Ich fände es auch gut, wenn etablierte Kulturkirchen und Friedensorte längerfristige Finanzierungszusagen bekämen und nicht von den Haushaltszeiträumen abhängen, dann ließen sich Stellen leichter ausschreiben.
Was möchten Sie den neuen Synodalen oder generell Menschen, die Kirche mitgestalten wollen, mitgeben?
Köhler: Den neugewählten Synodalen wollen wir mehr an die Hand geben, zum Beispiel welche Inhalte sich hinter den Ausschüssen verbergen, wie Abläufe sind, und so weiter. Ich hoffe, dass auch „weichere“ Themen Fürsprecher finden. Dass sich starke Stimmen finden, die sich für die Dinge einsetzen, die nicht so automatisch gesetzt sind wie Finanzen. Die neuen Synodalen sollen keine Angst haben, ihre Meinung zu sagen und Fragen zu stellen, gerade am Anfang. Und manchmal auch ganz frei zu denken, ohne gleich die Finanzfrage im Hinterkopf zu haben. Erstmal zu träumen, neu zu denken, ohne sich im Vorhinein schon Grenzen aufzuerlegen. Sie dürfen mutig neue Wege gehen.