Er steht mit seinem Getränkestand am Rand des Parks. „KOMMT HER ZU MIR“, steht in großen bunten Buchstaben auf dem handgemalten Banner. Darunter einfarbig und etwas kleiner: „Ich will Euch erquicken.“ Ich bleibe stehen und schaue skeptisch zu ihm hinüber. Einem Mann mit Rollator schenkt er gerade eine Zitronenlimonade ein. Sein Blick trifft meinen: „Bist du auch mühselig und beladen?“ „Naja, irgendwie schon…“, stottere ich und weiß nicht, ob ich näherkommen soll. „Aber?“ fragt er und lächelt einladend.
„Also im Vergleich bin ich eher privilegiert, lebe im Überfluss und habe Luxusprobleme.“ Er schaut mich fragend an: „Im Vergleich zu wem?“ „Menschen, denen es wirklich schlecht geht. Die am anderen Ende der Welt unter schlimmsten Bedingungen dafür arbeiten, dass ich auf nichts verzichten muss. Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen. Menschen, die wegen Hautfarbe, Kopftuch oder Kippa auf der Straße angegriffen werden. Brauchst Du noch mehr Beispiele?“
„Und Du denkst, deshalb hast Du kein Recht, Dich nach Ruhe zu sehnen? Weil Deine Last nicht schwer genug ist, soll Dir lieber niemand beim Tragen helfen?“ Er legt zwei Limettenscheiben in ein Glas, gibt ein paar Minzblätter dazu und gießt Wasser aus einem Krug darüber. „Alle brauchen Wasser, nicht nur die mit dem größten Durst. Hier, das tut gut!“
„Das ist ja gerade das Problem!“ entgegne ich. Ärger steigt in mir auf: „Das tut gut. Das macht den Mist erträglich. Eine gute Technik zur Stressbewältigung für mehr Ausgeglichenheit und inneres Wohlbefinden. Eine kleine Auszeit und dann zurück zu Tagesordnung. Das ist doch zu wenig. Da machen wir es uns doch zu leicht!“
„Du findest das leicht?“ Er reicht mir das Glas. „Ruhig zu werden, sanftmütig zu bleiben, besonnen zu handeln?“
Unsicher greife ich zu. „Ich bin nicht sanftmütig. Ich bin wütend. Und traurig. Und fassungslos. Ich fühle mich oft ohnmächtig. Ich will das richtige tun oder überhaupt etwas. Aber alles fühlt sich falsch an. Ich habe Angst vor dem, was kommt. Ich scheitere jeden Tag an meinen eigenen Ansprüchen…“
„Sag ich doch: mühselig und beladen. Das hier“, er deutet auf das Glas in meiner Hand, „ist kein Betäubungsmittel. Das ist lebendig. Willst Du nicht endlich trinken?“
Ich setze das Glas an die Lippen und nehme vorsichtig einen kleinen Schluck. Zum ersten Mal seit Monaten fühle ich mich nicht gehetzt. Ich setze mich neben ihn ins Gras und trinke das Glas leer.
Er lächelt. „Geht’s besser?“
„Ich glaube schon“, antworte ich und beiße in eine Limettenscheibe. „Und jetzt?“
Er lächelt noch mehr: „Jetzt trinkst Du noch was. Und dann habe ich einen Job für Dich…“
Amen.
Matthäus 11,25–30