Gerufen zum Fest des Lebens

Andacht zum 2. Sonntag nach Epiphanias
Eine Blume durchbricht trockenen Boden.
Bild: Canva/Getty Images

Der Autor

Ein Mann mit kurzen Haaren, Vollbart und Brille blickt in die Kamera.
Ralf Drewes ist Pastor in der Nordstädter Kirchengemeinde in Hannover.

Mangel und Entbehrung. Wie lange sie wohl noch unter uns sind: Die Menschen, die das erlebt haben? Als Kind habe ich denen zugehört, die davon erzählten. Von Kriegswirren und von Hungersnot. Von Ausgebombten, die durch die Dörfer zogen, nur für ein paar Kartoffeln. Von Kindern, die stahlen. Von 14-Jährigen, die auf dem Puffer von Zugwaggons kilometerweit fuhren, nur für ein paar Kohlen. Von denen, die das bisschen, was sie hatten, vergruben... und es trotzdem hergeben mussten. Im Krieg und auch im Hungerwinter 1946/47 war es endgültig aus. Heinrich Böll beschrieb die Leute dieser Zeit als eine „Gesellschaft von Besitzlosen und potenziellen Dieben“. Eine Zeit, die nicht für Heldengeschichten taugte, die lange Tabuthema war und noch immer schambesetzt ist. Die Tante mag heute keine Steckrüben mehr sehen. Die Oma rührt die Pfannkuchen aus hippem Buchweizen nicht an. Mangelessen. Viele hatten nicht mal das. 1946 waren die Kriegsvorräte aufgebraucht. Viele Felder waren verwüstet. Wegen des heißen, trockenen Sommers fiel die Ernte spärlich aus. Im folgenden Winter fehlte Kohle, die wurde auch von der Industrie gebraucht.

Als Kind habe ich mit großen Ohren zugehört. Und mit wachem Verstand. Denn das waren ja Berichte vom Überleben der Kinder. Überleben war also möglich. Sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, das galt dabei als Tugend. „Stell dich nicht so an!“, ein oft gehörter Satz, während die Moral vor die Hunde ging. Fast nachvollziehbar. Wärme, Vertrauen, Zuwendungsbereitsschaft – das konnten viele Kriegskinder für die Aufbaujahre nicht mitnehmen. Aber noch sind sie hier und können erzählen. Die Mangel-Geschichten preisen die Fülle und den Segen, in denen wir heute leben. Aus Wasser wurde Wein. Gerufen zum Fest des Lebens. Erzählen und Frieden finden. Nicht nur für sich selbst. Sondern auch für die Enkel, die Babyboomer, die sich in ihrer Lebensmitte fragen, warum sich partout keine Zufriedenheit bei ihnen einstellt. Dies Gefühl sollte doch mit dem Wohlstand einhergehen. Aber der Enkel- und Urenkelgereration scheint dort etwas zu fehlen, wo die Älteren ihr Leben nur auf Sicherheit und Anpassung gegründet haben. Der Schmerz der Kriegskinder ist unter die Trümmer geraten. Da braucht es heute neue Trümmerfrauen und -männer, diesen seelischen Kummer bei den Hochbetagten zu bergen. Auch, um sich selbst am Fest des Lebens zu erfreuen. Noch können die Alten den Jungen bei der Suche nach den Seelentrümmern helfen. Zu einem guten Fest gehören eben auch die richtigen Gesprächsthemen.

Amen.

Biblischer Text,
Jeremia 14,1.3–4.7–9
Dies ist das Wort, das der Herr zu Jeremia sagte über die große Dürre: Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter.
Ach, Herr, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, Herr, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!
Ralf Drewes