Bibelarbeit: Versöhnung beginnt mit dem Blick auf sich selbst

Eine als Frau lesbare Person steht an einem Redepuit und spricht gestenreich zu Publikum.
Bild: Jens Schulze

Versöhnung ist möglich, und zwar auch nach langer Entfremdung, Verletzung und Schuld. Diesen Gedanken stellte die Alttestamentlerin Prof. Dr. Klara Butting in den Mittelpunkt ihrer Bibelarbeit über Jakob und Esau auf der 27. Landessynode und verband die alte Erzählung mit einer hochaktuellen Frage: Wie kann Frieden wachsen, wenn Gewalt und verhärtete Fronten das Zusammenleben prägen?

Jakob hat seinen Bruder betrogen und um Segen und Erbe gebracht; nach langen Jahren im Exil kehrt er mit der Hoffnung auf Versöhnung zurück, aber auch mit großer Angst. An der Flussgrenze Jabbok kommt es zu jener rätselhaften nächtlichen Szene, in der Jakob mit einem geheimnisvollen Gegenüber ringt und am Ende gesegnet wird.

Butting deutet diese Szene als Grenzerfahrung im wörtlichen und übertragenen Sinn. Jakob steht kurz davor, ins Gebiet Esaus einzutreten; an der Flussgrenze wird er aufgehalten. Rückblickend sagt er selbst, ihm sei Gott begegnet: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet." Der Ort erhält den Namen Pnuël, „Angesicht Gottes".

Bewegung durch Segen

Die Auseinandersetzung mit dem Bruder und die mit Gott sind nicht trennbar. Gott tritt Jakob nicht neutral gegenüber, sondern stellt sich dem Konflikt an Esaus Stelle. Zugespitzt formuliert, vertritt Gott das Recht des verfeindeten Bruders Esau gegenüber Jakob.

Ein besonderer Akzent von Buttings Auslegung liegt in der Frage, warum Gott Jakob in diesem Kampf nicht überwältigt. Gottes Ziel ist nicht die Vernichtung des Menschen, sondern seine Verwandlung. Gott setzt Menschen durch seinen Segen in Bewegung und hält an ihnen fest, damit ein anderes, gerechteres Leben auf der Erde Gestalt annimmt.

Die Weggemeinschaft Gottes mit Menschen ist nicht als Bestätigung zu verstehen: „Du bist okay, wie du bist." Sie ist Begleitung zu radikaler Veränderung. Jakob bleibt nicht unverändert; er geht verletzt aus der Nacht hervor, aber verwandelt, gesegnet und mit einem neuen Namen: Israel.

Gnade statt Gewalt

Hier berührt Buttings Bibelarbeit eine Grundfrage: Wenn so viel Leben von Gewalt korrumpiert wird, was setzt Gott dem entgegen? Nicht die Durchsetzung nackter Macht, sondern Segen, Beziehung und die Freiheit zu lieben – gerade dort, wo alles dagegenspricht.

Die nächtliche Kampfszene ist eine Korrektur allzu einfacher Vorstellungen von Gottes Allmacht. Gottes Souveränität zeigt sich nicht darin, dass Gott jeden Widerstand niederzwingt, sondern darin, dass Gott gnädig, barmherzig und langmütig bleibt und seine Liebe nicht aufgibt.

Die Geschichte von Jakob und Esau ist mehr als eine Familiengeschichte. Esau ist als Erstgeborener in einer patriarchal geprägten Großfamilie mit Privilegien, zugleich aber mit Verantwortung für die Familie verbunden – lehnt die Verpflichtungen jedoch ab. Wenn Jakob diesen Bruder entmachtet, stellt sich die aktuelle Frage: Entsteht dadurch etwas Neues oder doch nur ein Machtwechsel, bei dem der neue Machthaber seine Fähigkeit zur Selbstreflexion hinter sich lässt?

Anerkennung von Mitschuld

Hier setzt Buttings Deutung mit einer Einsicht an, die aus der Friedens- und Konfliktforschung bekannt ist: Veränderung beginnt, wo der eigene Anteil am Konflikt wahrgenommen wird. Wer nur auf die Schuld der anderen schaut, verhärtet weiter; Versöhnung braucht die Bereitschaft zur Selbstkritik und zur Anerkennung eigener Mitschuld.

Die Grenzerfahrung Jakobs wird zu einem Wendepunkt seiner Identität. Er erhält den Namen Israel, weil er mit Gott und Menschen gerungen hat. Erst so wird die spätere Begegnung mit Esau möglich, in der Jakob seinem Bruder Wiedergutmachung anbietet.

Warum Versöhnung möglich ist

Auf den ersten Blick lösten laut Butting solche alttestamentarischen Texte bei manchen eher Abwehr aus – wegen der erzählten Gewalt und nicht zuletzt wegen der Gegenwart: Der Israel-Palästina-Konflikt habe viele Menschen für Begriffe wie „Verheißung", „Land" oder „Israel“, die heute politisch aufgeladen sind, sensibilisiert. Gerade darin liegt die Stärke dieser Erzählungen: Sie beschönigen menschliche Wirklichkeit nicht und halten zugleich an der Vision fest, dass Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung möglich sind.

Für die Gegenwart der Kirche ist das ein wichtiger Impuls. In gesellschaftlichen Konflikten liegt es oft nahe, vor allem die Bosheit der anderen zu benennen. Die Jakob-Esau-Erzählung versinnbildlicht, dass Frieden dort beginnt, wo Menschen sich der Wahrheit über sich selbst stellen und darauf vertrauen, dass Gottes Gnade stärker ist als Angst, Unrecht und Gewalt.

Die Landeskirche setzt mit ihren Friedensorten Begegnungsräume, in denen solche Fragen eingeübt werden. Buttings Bibelarbeit verweist in diesem Sinne darauf, dass Gott nicht auf Distanz bleibt, sondern sich einmischt – zugunsten des Lebens, der Versöhnung und einer Zukunft, in der Geschwisterlichkeit mehr gilt als Gewalt.