Zum Tag der älteren Generation am 1. Oktober verschickt die Landeskirche Hannovers wieder eine Grußkarte. Diesmal geht sie an ihre Gemeindeglieder ab 80 Jahren. „Habseligkeiten“ lautet in diesem Jahr das Motto. Was Menschen im Laufe ihres Lebens sammeln und was davon wirklich zählt, erzählen vier Menschen aus unterschiedlichen Generationen.
Helmut Brammer-Willenbrock erzählt von einer 100-jährigen Bekannten. Sie kann kaum noch lesen, freut sich aber jedes Mal über eine persönliche Postkarte. Ihr Briefkasten ist sonst voller Rechnungen und Werbung. „Das kriegt man dann so ein bisschen anders mit“, sagt Brammer-Willenbrock aus Osnabrück. Ein persönlicher Gruß ist eben keine Rechnung. Er sagt: Jemand denkt an mich.
Zum Tag der älteren Generation am 1. Oktober verschickt die Landeskirche Hannovers deshalb wieder eine Karte von Landesbischof Ralf Meister – diesmal geht sie an alle Gemeindeglieder ab 80 Jahren. „Habseligkeiten“ heißt die diesjährige Aktion. In dem etwas aus der Mode gekommenen Wort steckt eine interessante Verbindung: „Haben“ und „Seligkeit“. Also nicht nur die Dinge, die einen im Leben begleiten. Sondern auch die Frage, was ein Leben reich macht. Was bleibt, wenn man zurückblickt?
„Mit der Kirchenpost möchten wir deutlich machen: Die Kirche hat ältere Menschen im Blick – mit ihren Bedürfnissen, aber ebenso mit ihren Fähigkeiten, Erfahrungen und Ressourcen“, sagt Anita Christians-Albrecht, Pastorin und Beauftragte für Altenseelsorge im Zentrum für Seelsorge und Beratung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Sie begleitet die Karten-Aktion des Landesbischofs seit Anbeginn.
Brammer-Willenbrock würde vermutlich nicht zuerst von Dingen erzählen. Er erzählt von Menschen.
„Alt zu werden ist die einzige Möglichkeit“
Brammer-Willenbrock, einst Geschichtslehrer, ist gerade 76 Jahre alt geworden. Das Alter nimmt er durchaus wahr. Sein Knie zum Beispiel. Doch Brammer-Willenbrock spricht darüber mit einem Augenzwinkern, aber ohne Koketterie und ohne den Satz, den man bei älteren Menschen so häufig hört: Eigentlich fühle ich mich noch viel jünger.
„Alt zu werden ist die einzige Möglichkeit“, sagt er. Wer nicht alt werde, sei eben früher gestorben. „Dann hätte ich mir ziemlich gefehlt“, sagt er lachend. Dieser trockene Humor gehört zu ihm. Ebenso wie die Überzeugung, dass das Älterwerden kein Grund ist, sich zurückzuziehen.
Als er 2015 nach 36 Jahren als Geschichtslehrer in den Ruhestand ging, konnte er zunächst gar nicht so leicht herausfinden, wie er seine Tage gestalten wollte. Der strukturierte Alltag war plötzlich weg. „Such dir jeden Tag irgendwas aus, aus dem du etwas Sinnvolles machst“, sagte er sich. Sonst brauche man „gar nicht aufzustehen“.
Ein halbes Jahr dauerte es, bis er einen neuen Rhythmus gefunden hatte. Dann kam ein Rundbrief der Diakonie Osnabrück. Gesucht wurden Menschen für Sprachpartnerschaften mit Geflüchteten. Seine Frau gab den entscheidenden Anstoß: „Du bist jetzt fast ein Jahr raus. Willst du nicht?“ Er wollte.
Seit Ende 2016 engagiert sich Brammer-Willenbrock im Café Mandela, einem Treffpunkt der Diakonie für geflüchtete Menschen. Was zunächst mit Tee, Kaffee, Internetzugang und praktischer Unterstützung begann, wurde für ihn zu einem Ort regelmäßiger Begegnungen. Menschen aus Afghanistan, Syrien, Burundi, dem Sudan und später auch aus der Türkei kamen zu ihm.
Deutsch lernen. Sprachkurse vorbereiten. Ein Schreiben vom Jobcenter verstehen. Sich auf ein Vorstellungsgespräch vorbereiten. Und manchmal geht es um eine Frage, die mit Grammatik überhaupt nichts zu tun hat. Ein afghanischer Elektriker fragte Brammer-Willenbrock einmal: „Was ist eigentlich der Dativ?“ Er wollte es ihm erklären. Doch der Mann machte klar, worum es ihm wirklich ging: „Ich will wissen, was ich sagen muss, wenn ich einen Spannungsprüfer brauche.“
Brammer-Willenbrock hilft, wo er helfen kann. Bei juristischen Fragen kennt er aber seine Grenzen und verweist an Fachleute. Vor allem versucht er herauszufinden, was sein Gegenüber gerade braucht. Vielleicht hilft ihm dabei seine lange Erfahrung als Lehrer. Vielleicht auch etwas, das er viel früher gelernt hat.
Wenn Nachrichten plötzlich Gesichter bekommen
Brammer-Willenbrock wuchs in einem großen Bauernhaus in der Lüneburger Heide auf. Als sein Vater 1948 nach dem Krieg dorthin kam, lebten dort mehr als 20 Geflüchtete aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, überwiegend aus Pommern und Schlesien. Einige blieben, bis Brammer-Willenbrock selbst Jugendlicher war.
Er hörte ihre Geschichten von der verlorenen Heimat und von dem, was sie zurücklassen mussten. Die schlesischen Katholikinnen und Katholiken seien damals schon wegen ihrer Herkunft, Konfession und regionalen Sprache (Plattdeutsch) als anders wahrgenommen worden. Diese Erfahrungen hätten ihn immun gemacht gegen die Vorstellung, Menschen würden aus Bequemlichkeit fliehen.
Heute begegnet ihm das Thema wieder, nur unter anderen Vorzeichen. Wenn er mit einem Mann aus Afghanistan über dessen Herkunft spricht, über Geschichte oder die politische Situation, bleibt das für ihn nicht abstrakt. Wenn ein syrischer Mann erzählt, wie er mit seinen vier Brüdern früher morgens zum Bäcker ging und dann sagt: „Aber die Straße gibt es ja nicht mehr“, bekommt ein Krieg plötzlich einen ganz anderen Klang. Die Straße in Aleppo wurde zerstört.
„Das kriegt man dann so ein bisschen anders mit, als wenn man das in der Zeitung liest“, sagt Brammer-Willenbrock. Nachrichten bekommen Gesichter, Biografien und konkrete Erinnerungen.
„Es ist immer ein Geben und ein Empfangen“
Auch Claudia Sannemann kennt diesen Moment, in dem große Geschichte in einem persönlichen Gespräch auftaucht.
Die 71-Jährige begleitet seit 2017 Menschen, die einsam sind, krank oder traurig. Über den Seniorenstützpunkt besuchen sie und andere Ehrenamtliche Menschen, die sich ausdrücklich regelmäßige Begegnungen wünschen. Eine Frau, die inzwischen ihr Bett kaum noch verlassen kann, begleitet Sannemann seit neun Jahren.
Was sie dort tut, ist eigentlich ganz einfach. Sie kommt vorbei. Sie kocht Kaffee, bringt Kuchen mit und setzt sich dazu. „Wenn ich weiß, da kocht jemand für mich Kaffee, besorgt Kuchen und denkt: Heute Nachmittag kommt sie“, sagt Sannemann und hält kurz inne, „was gibt es denn Schöneres?“
Sie spricht dabei auffällig wenig von „Hilfe“. Denn für sie ist die Beziehung keine Einbahnstraße. „Man gibt nicht nur, man empfängt auch emotional viel.“ Das ist ein Satz, der sich durch Sannemanns Erfahrungen zieht.
Sie engagiert sich außerdem im Trauercafé und in einer kleinen Trauergruppe. Trauer kennt sie auch aus ihrem früheren Berufsleben: 40 Jahre lang führte sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann eine Friedhofsgärtnerei. Trauernde zu beraten, ihnen bei der Gestaltung einer Grabstätte zu helfen und ihre Geschichten zu hören, gehörte damals zum Alltag. Heute weiß sie: Ein Friedhof kann ein Ort der Trauer sein. Aber auch ein Ort der Begegnung.
Im Trauercafé wird deshalb nicht nur über Tod und Verlust gesprochen. Es wird gelacht. Über Urlaube geredet. Über eine schlechte Busverbindung geschimpft. „Das Trauercafé ist nicht nur todernst“, sagt Sannemann. Gerade für Menschen, deren Leben nach einem Verlust plötzlich von Trauer bestimmt ist, könne es gut sein, zwischendurch andere Geschichten zu hören. Das ganz normale Leben darf wieder vorkommen.
In der kleinen Trauergruppe ist die Atmosphäre anders. Manche Menschen sind so tief betroffen, dass sie kaum noch Halt finden. Sannemann weiß, dass sie und die anderen Ehrenamtlichen keine Therapeutinnen und Therapeuten sind. Aber sie können einen geschützten Raum anbieten. Einen Ort, an dem Menschen weinen, sprechen und auch einmal alles herauslassen dürfen.
Was Einsamkeit mit einem Leben macht
Einsamkeit begegnet Sannemann häufig. Sie hat allerdings wenig übrig für einfache Erklärungen. Viele der Menschen, die um einen Besuch bitten, seien Frauen über 70. Manche hätten ihr Leben sehr stark auf Familie, Kinder und Partnerschaft ausgerichtet. Wenn die Kinder später wegziehen und der Partner stirbt, könne plötzlich eine große Leere entstehen.
Auch die Wohnsituation spiele eine Rolle. Wer jahrzehntelang in einer gewachsenen Nachbarschaft lebt, hat andere Möglichkeiten für Begegnungen als jemand, der allein in einem Mietshaus oder abgelegen auf dem Land wohnt.
Und dann gibt es noch eine andere Hürde: Manche Menschen denken, dass sie zu einem Angebot nicht dazugehören. Es gibt also Angebote gegen Einsamkeit. Aber sie erreichen nicht automatisch diejenigen, die sie brauchen. Wir müssen Wege finden, es mehr an die Menschen heranzubringen“, sagt Sannemann.
Dass Begegnung dabei keine Einbahnstraße ist, erlebt auch Ruheständler Klaus Witte-Ewigleben. Als ehrenamtlicher Rikschafahrer im Paul-Gerhardt-Haus in Lüneburg bringt er Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind, zu Orten, an denen sie andere treffen können. Für ihn ist die Rikscha deshalb nicht nur ein Fortbewegungsmittel. Sie schafft einen Anlass, wieder hinauszugehen und Menschen zu begegnen. Und sie schafft Verlässlichkeit. Wenn jemand weiß, dass nächste Woche wieder eine Fahrt ansteht, gibt es etwas, worauf man sich freuen kann: „Mensch, ich sehe den ja nächste Woche wieder.“
Auch Witte-Ewigleben erlebt sein Ehrenamt nicht als einseitiges Geben. Die Ehrenamtlichen selbst lernen Menschen kennen, hören Geschichten und haben eine Aufgabe. „Die Leute, die Ehrenamt machen, haben sich durch dieses Ehrenamt vor der Einsamkeit mehr oder weniger gedrückt“, sagt er – im positiven Sinn.
Die Weltgeschichte sitzt manchmal mit am Kaffeetisch
Bei Claudia Sannemann kommen im Gespräch mit älteren Menschen immer wieder Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg auf. Als der Krieg gegen die Ukraine begann, wurden manche dieser Erfahrungen wieder sehr präsent. „Wir waren doch auch Flüchtlinge“, sagten einige. Auch hier zeigt sich, wie eng persönliche Geschichte und Gegenwart miteinander verbunden sein können. Sannemann selbst denkt viel über das Älterwerden nach. Ihr Mann starb mit 71 Jahren. Nun ist sie selbst so alt wie er damals war. Die Begrenztheit des Lebens ist dadurch präsent.
Sie sieht, wie Menschen im Alter schwer erkranken. Trotzdem versucht sie, gelassen zu bleiben. „Ich lebe von Tag zu Tag.“ Ihr Glaube ist dabei keine fertige Antwort. Sie sei keine klassische Kirchgängerin und habe kein festes Bild von einem „Kirchengott-Vater“. Sie suche vielmehr schon ihr ganzes Leben lang. „Manchmal denkt man: Das ist es. Und dann hat man wieder Zweifel.“
Für Sannemann sind Zweifel kein Gegenargument zum Glauben. Man könne zweifeln und trotzdem auf dem richtigen Weg sein. Sie glaubt an Begleitung, daran, dass jeder Mensch seinen Engel haben könne. Ihren Tag beginnt sie mit einem Liedvers: „So nimm‘ denn meine Hände“.
Vielleicht gehört auch diese Offenheit zu dem, was man mit den Jahren lernen kann. Nicht alles wissen zu müssen. Nicht alles kontrollieren zu können. Und trotzdem weiterzugehen.
„Wenn es gut ist im Leben …“
Sigrid Duhm-Jäckel hat aus dieser Haltung des Weitergebens eine Aufgabe gemacht. Die frühere Pastorin engagiert sich auch im Ruhestand weiter in der von ihr gegründeten Suppenküche an der Christuskirche in Leer, hält sonntags Andachten und bringt Menschen zusammen.
Dabei erlebt sie immer wieder, dass ältere Menschen nicht nur Unterstützung benötigen. Sie haben Zeit, Fähigkeiten und Erfahrungen und den Wunsch, etwas davon weiterzugeben. „Wenn es gut ist im Leben, dann kann ich etwas von dem Guten auch zurückgeben an andere“, sagt Duhm-Jäckel. Sie erlebt aber auch die andere Seite: Altersarmut und Einsamkeit. Für sie ist Einsamkeit „auch ein Stück Armut“. Wer sonntags allein vor einem Teller sitze und niemanden zum Reden habe, verliere womöglich sogar den Appetit.
Christians-Albrecht, Beauftragte für Altenseelsorge, betont: „Ohne das Engagement älterer Menschen wäre kirchliches Leben vielerorts nicht denkbar. Sie gestalten Gemeinden mit und tragen Verantwortung weit über den Ruhestand hinaus.“
Deshalb braucht es Orte, an denen Menschen merken: Wenn ich nicht da bin, fällt es auf. „Hingehen und hinsehen“, nennt Duhm-Jäckel das.
Vielleicht wird man milder
Auch Helmut Brammer-Willenbrock hat sich mit den Jahren verändert. Ob er weiser geworden sei? Da zögert er. So würde er es von sich nicht behaupten. Aber natürlich habe sich sein Erfahrungshorizont erweitert. Er habe mehr gelesen, mehr erlebt, mehr gesehen. Vielleicht sei er milder geworden. Dinge, die ihn früher aufgeregt hätten, ließen ihn heute häufiger ruhig.
Was er seinem jüngeren Ich raten würde, weiß er dagegen ziemlich genau: viel lesen, denn Lesen weite den Horizont. Auf Menschen zugehen. Und in Konflikten Person und Sache voneinander trennen. Wenn alles persönlich werde, gehe die Auseinandersetzung über Inhalte verloren. Das schade der Politik und dem gesellschaftlichen Zusammenleben. Und natürlich: die Musik der 1960er- und 1970er-Jahre nicht vergessen. Beatles, Byrds, Bob Dylan.
Sein Ruhestand ist jedenfalls nicht der Versuch, die Welt hinter sich zu lassen. Für das Schulmuseum Osnabrück administriert er den von ihm eingerichteten Internetauftritt und führt Besuchergruppen durch die Ausstellung. Vier oder fünf Führungen in einer Woche sind keine Seltenheit, manchmal sind es sogar zwei an einem Tag. „Ich kriege den Tag gut rum“, sagt er. Das klingt beiläufig. Aber vielleicht steckt darin ziemlich viel.
Die wahren Habseligkeiten
Für Pastorin Christians-Albrecht gehören zu diesen Habseligkeiten nicht nur Gegenstände, sondern auch gelebte Beziehungen und Erinnerungen: „Was macht mich aus – materiell, aber auch an Erinnerungen, Beziehungen, Glaubens- und Lebenserfahrungen?“
Somit sind Habseligkeiten offenbar nicht nur Dinge, die man besitzt. Sie sind auch die Menschen, die geblieben sind. Die Geschichten, die man gehört hat. Die Erfahrungen, die man weitergeben kann. Die Zeit, die man verschenkt. Die Gelassenheit, die irgendwann wichtiger wird als die perfekte Antwort. Und manchmal eben eine Postkarte. Eine kleine persönliche Nachricht in einem Briefkasten voller Rechnungen und Werbung. Ein Stück Papier, das sagt: Du wirst gesehen. Schön, dass es dich gibt.