Islam-Theologe zum Ramadan: Gott verlangt nur, was wir leisten können

Ein Kalender mit viele Türchen, wie ein Adventskalender, mit der Aufschrift Ramadan.
Bild: epd-bild/Gabriele Ingenthron

Osnabrück. Das Fasten im Monat Ramadan gehört zu den fünf Säulen des Islam und stellt für Muslime eine Pflicht dar. Was für Nicht-Muslime streng klinge, sei für gläubige Muslime selbstverständlich, sagt der islamische Theologe Esnaf Begic dem Evangelischen Pressedienst (epd). Gott verlange nichts, was der Mensch nicht leisten könne, betont der Dozent an der Universität Osnabrück und ehemalige Imam einer bosnischen Gemeinde.

Welche Bedeutung hat das Fasten im Ramadan?
Das Fasten im Islam habe mehrere Dimensionen. Die äußere Dimension sei der Verzicht auf Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang im Monat Ramadan. Die innere Dimension beschreibe der Koran an der entscheidenden Stelle mit dem Ausdruck „damit ihr gottesfürchtig werdet“, erläutert Begic: „Ich würde in unsere Zeit übersetzen: Das Fasten dient dazu, das Gottesbewusstsein zu stärken. Das kommt dem christlichen Terminus der inneren Einkehr sehr nahe.“

Es gehe also insgesamt darum, „sich in einem festen zeitlichen Rahmen einer Art körperlicher und geistiger Runderneuerung zu unterziehen“. Das Fasten im Ramadan habe den Sinn, sich auf das Wesentliche im Leben zu besinnen, sagt der Theologe. Muslime sollten dann besonders über das Leben, das Verhältnis zu Gott, zu anderen Menschen und zur Umwelt nachdenken.

Ist der Verzicht nicht sehr radikal?
„Muslime empfinden das nicht als streng, sondern als Selbstverständlichkeit“, ist Begic überzeugt. Das Fasten im Ramadan sei eine der fünf Säulen des Islam, mache also den Islam zu einem wesentlichen Teil aus. „Damit man sich von weltlichen Dingen freimachen und sich ganz auf Gott konzentrieren kann, braucht es eine bestimmte Form, eine feste äußere Struktur und Rituale.“ Und diese seien durch den Koran verankert, also von Gott selbst vorgegeben und damit religiös verbindlich. „Das Fasten ist daher keine Frage individueller Auswahl oder persönlicher Vorlieben.“ Das schließe aber persönliche spirituelle Akzente innerhalb des vorgegebenen Rahmens nicht aus. Gott stelle aber keine Aufgaben, die nicht erträglich wären. „Er sagt sogar: Alles, was er vorgibt, entspricht der menschlichen Natur, dem körperlichen und geistigen Vermögen des Menschen als Geschöpf Gottes.“

Gibt es Ausnahmen beim Fasten?
Fasten ist laut dem Imam nur für Menschen vorgeschrieben, die körperlich und geistig dazu in der Lage sind. Schwangere, Stillende und Frauen während der Periode sind von der Fastenpflicht ausgenommen. Auch andere außergewöhnliche Umstände, wie etwa Reisen oder schwere körperliche Arbeitsbelastungen, entbinden davon. „Wenn Muslime durch äußere Ereignisse vom Fasten abgehalten werden, können sie das auch zu anderen Zeiten nachholen.“

Muslime sollten das Fasten aber nicht dazu missbrauchen, von der Arbeit fernzubleiben, mahnt Begic. Das widerspreche dem Sinn des Fastens. Man sollte sogar noch mehr Einsatz zeigen als sonst. „Wenn allerdings Kollegen fragen, wie sie uns während der Fastenzeit entlasten können, ist das eine Geste, die dankbar angenommen werden darf.“ Aus dieser Offenbarungstradition entstand später die Fastenpraxis.

Warum fasten Muslime im Monat Ramadan?
Im Monat Ramadan hat in der Zeit der Entstehung des Islam im 7. Jahrhundert nach Christus die Offenbarung des Koran in Mekka begonnen. Deshalb sei er ein besonderer Monat, sagt der Theologe. Damals spielte das Rituelle noch kaum eine Rolle. Es ging vor allem darum, den Glauben an nur einen Gott zu betonen, wie er schildert. Damit grenzten die ersten Muslime sich von den damals im arabischen Raum vorherrschenden polytheistischen Religionen ab, bei denen die Menschen eine Vielzahl von Göttern anbeteten.

Spielt das Soziale eine Rolle im Ramadan?
„Der Ramadan ist auch der Monat des Mitgefühls, der Gemeinschaft und der Hilfe für andere“, sagt Begic. Muslime spendeten im Ramadan mehr als sonst und wendeten sich anderen Menschen zu. Deshalb spiele auch das allabendliche Fastenbrechen in Gemeinschaft eine besondere Rolle. „Der Ramadan ist dazu da, Familienbeziehungen und Freundschaften zu stärken.“ Muslime könnten aber zum Beispiel auch im Kollegenkreis zum gemeinsamen Fastenbrechen einladen. „Wir hier im Institut praktizieren das, indem wir etwa Kolleginnen und Kollegen der christlichen Konfessionen einladen. Bei solchen Gelegenheiten können sich alle in einem eher privaten Rahmen besser kennenlernen.“

Fasten Muslime nur im Ramadan?
Der Ramadan sei zwar der einzige Anlass, an dem es für Muslime Pflicht sei, zu fasten, erklärt Begic. Muslime fasteten freiwillig aber auch an anderen Tagen: etwa an Donnerstagen in Vorbereitung auf das Freitagsgebet oder an Montagen, weil der Prophet Mohammed an einem Montag geboren wurde und dies für viele Muslime ein spiritueller Tag ist. Auch an drei Tagen in der Mitte eines Monats verzichteten manche Muslime auf Essen und Trinken.

Was verbindet Muslime und Christen beim Fasten?
Auch wenn das Fasten äußerlich in beiden Religionen unterschiedlich gestaltet werde, sei die Besinnung auf das Innere, auf das Verhältnis zu Gott und den Menschen doch in beiden Religionen gleich, sagt der Dozent: „Empathie und Hilfsbereitschaft stehen dem christlichen Verständnis der Nächstenliebe sehr nahe.“ Darin könnten sich Gläubige beider Religionen gegenseitig bestärken.

Martina Schwager (epd)