„Demokratie ist keine Kulisse“

Lies und Meister betonen beim Epiphanias-Empfang Rolle der Kirche in der Demokratie
Eine männlich zu lesende Person steht an einem Redepult und spricht zu Menschen, die an einem festlich gedeckten Tisch sitzen.
Bild: Jens Schulze/Landeskirche Hannovers

Vor den Spitzen Niedersachsens haben Ministerpräsident Lies und Landesbischof Meister beim Epiphanias-Empfang der hannoverschen Landeskirche zu Besonnenheit und Tatkraft angesichts der krisenhaften Gegenwart aufgerufen.

Loccum/Kreis Nienburg. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hat an Politiker und Bürger in Deutschland appelliert, Verantwortung für die Demokratie und das Miteinander zu übernehmen. „Demokratie ist keine Kulisse. Sie lebt davon, dass alle gesellschaftlichen Gruppen Verantwortung übernehmen - nicht nur am Wahltag, sondern jeden Tag“, sagte Lies am Dienstag beim traditionellen Epiphanias-Empfang der evangelischen Landeskirche Hannovers im Kloster Loccum bei Nienburg. Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hob indes die Funktion der Religion für das Gemeinwesen hervor. Er warnte davor, den Sinn von Feiertagen auszuhöhlen.

Für Lies war es seine erste Rede als niedersächsischer Ministerpräsident beim Neujahrsempfang in Loccum. Der 58-Jährige steht seit Mai 2025 an der Spitze der Landesregierung. Zuvor war er Wirtschaftsminister und Umweltminister.

„Mehrheiten werden zäher“

Der demokratische Konsens werde in Deutschland immer öfter infrage gestellt, sagte Lies vor rund 130 geladenen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Respekt und Empathie seien nicht mehr selbstverständlich. Zudem gerieten Regierungen unter Druck, weil Mehrheiten brüchig werden. Kompromissfähigkeit sei daher „die demokratische Schlüsselkompetenz“. Gefordert seien überdies „demokratische Besonnenheit und Tatkraft“ statt Populismus und Alarmismus. Insbesondere Antisemitismus mache ihm große Sorgen. Die Verbindung zu Israel gehöre zur deutschen Staatsräson, sagte er unter Applaus.

Auch von der Kirche wünsche er sich, dass sie für demokratische Werte eintritt, betonte der SPD-Politiker. „Ich erwarte, dass Kirche sich einmischt - wenn Menschenwürde angegriffen wird, wenn Ausgrenzung salonfähig werden soll, wenn Antisemitismus und Hass wachsen.“ Kirche sei keine Wahlkampforganisation und keine Partei, räumte Lies ein. Sie sei jedoch „auch nicht nur Privatseelsorge in der Sakristei“.

„Hoffnung, die nicht konkret wird, zerfällt in gedankliches oder spirituelles Idyll. Sie bleibt wirkungslos. Hoffnung braucht mutige, kraftvolle Bilder und Aktionen, ansonsten taugt sie für das Poesiealbum.“
Landesbischof Ralf Meister
Mehrere Menschen sitzen an gedeckten Tischen, eine Person steht und spricht.
Bild: Jens Schulze/Landeskirche Hannovers
Landesbischof Meister rief dazu auf, konkret für die Zukunft zu arbeiten.

Landesbischof Meister rief dazu auf, konkret für die Zukunft zu arbeiten und so „Hoffnungszeichen“ zu setzen. Aktuell wachse an vielen Orten der Welt die Angst, sagte der evangelische Theologe. „Macht, die sich nicht rechtfertigen kann, greift zu Drohungen und Gewalt.“ Angst werde zum politischen Prinzip und Angst zu schüren zur Methode. „Die regelbasierte Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein, und wir sind mittendrin zwischen Aufschneidern, Räubern und machtbesessenen Besserwissern.“

Religion und Rituale bildeten in dieser Situation einen „gesellschaftlichen Hoffnungsspeicher“ sagte Meister. Sie seien „ein Ort, an dem wir über das Zusammenleben und die Möglichkeiten für eine bessere Welt nachdenken können“. Der Bischof warnte in diesem Zusammenhang davor, den Sinn von Feiertagen auszuhöhlen: „Wer beginnt, diese kulturellen Identitätsmarker allein aus zweckrationalen oder ökonomischen Gesichtspunkten zu bewerten, muss sich fragen lassen, welche Bedeutung ein kulturelles Gedächtnis für den substanziellen Erhalt eines Gemeinwesens noch hat.“

Epiphanias-Empfang seit 76 Jahren

Den Epiphanias-Empfang der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover gibt es seit 76 Jahren. 1950 hatte der damalige Landesbischof Hanns Lilje (1899-1977) erstmals gesellschaftliche Repräsentanten zu einem Empfang zum Jahreswechsel ins Kloster Loccum eingeladen.

Impressionen vom Epiphanias-Empfang 2026

Bilder von Jens Schulze
Michael Grau und Urs Mundt (epd)