Ökumene ist kein „nice to have“

Eine männlich gelesene Person mit mittellangen Haaren, Brille, weißem Hemd und dunklem Sakko.
Bild: Corinna Waltz

Rainer Kiefer als Missionsdirektor entpflichtet

Rainer Kiefer war Pastor in Osnabrück, Referent im Landeskirchenamt, Geschäftsführer des Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes in Stuttgart, dann Oberlandeskirchenrat im Landeskirchenamt mit den Schwerpunkten Ökumene und Publizistik und vielen Bezügen in die jetzige Evangelische Agentur. 2019 wechselte er als Direktor der Evangelischen Mission Weltweit (EMW) nach Hamburg. Vor wenigen Wochen ist er in den Ruhestand verabschiedet worden. Im Interview blickt Kiefer zurück auf ungezählte Reisen, auf längere Auslandsaufenthalte in Südafrika und Großbritannien und auf Entwicklungen in der Ökumene.

Herr Kiefer, im Oktober sind Sie offiziell in den Ruhestand gegangen. Auch wenn Sie Ihre letzte Tätigkeit als Direktor der EMW noch ein paar Wochen fortsetzen – gibt es für Sie so etwas wie einen roten Faden, der sich durch alle Ihre beruflichen Stationen zieht?

Rainer Kiefer: Im Rückblick haben meine Auslandsaufenthalte vor und nach dem Vikariat tatsächlich meinen beruflichen Weg geprägt und meinen Blick auf die weltweite Kirche geschärft. Auch wenn es im Laufe vieler Dienstjahre in Gemeinde und kirchlichen Institutionen zahlreiche interessante Aufgaben gegeben hat, hat mich das Interesse an Entwicklungen in der weltweiten Ökumene immer begleitet. Die Begegnungen mit Menschen in unseren Partnerkirchen, aber auch in unseren Gemeinden und Kirchenkreisen haben mich immer wieder neu motiviert.

Sie sind seit Jahrzehnten weltweit in Sachen Ökumene unterwegs. Was ist die größte Veränderung, die Sie dabei beobachtet oder vielleicht auch mitgestaltet haben?

Kiefer: In den ersten Jahren meines Dienstes waren es Menschen in den Partnerschaftsgruppen, die Brücken nach Südafrika, Äthiopien, Indien oder Lateinamerika aufgebaut hatten. In diesem Bereich gab es unzählige Begegnungen, die das Gemeindeleben hier und dort bereichert haben. Das ökumenische Lernen und die Pflege von Beziehungen über große Entfernungen hinweg stand hier im Vordergrund. Inzwischen haben wir gelernt, dass die Welt nicht nur bei uns zu Gast ist, sondern dass wir gemeinsam mit Menschen aus vielen Kulturen und Religionen das Zusammenleben in unserem Land gestalten. Die internationalen Gemeinden sind heute wichtige Dialogpartner und bieten viele Gelegenheiten interkulturell zu lernen und miteinander Kirche zu gestalten. Wir brauchen nicht immer weite Reisen, um andere Welten und Kulturen kennenzulernen.

Wie würden Sie den Stellenwert der Ökumene, gerade auch der weltweiten, im Blick auf die Landeskirchen einschätzen? 

Kiefer: Auch wenn wir in den kommenden Jahren aufgrund finanzieller Engpässe manches umbauen und neu gestalten müssen, ist das ökumenische Engagement kein „nice to have“, sondern eine unverzichtbare Dimension der Kirche Jesu Christi. Es ist gut, dass dies auch in unserer Landeskirche so gesehen wird und viele dazu beitragen, dass wir ökumenische Verantwortung wahrnehmen. Wir wissen, dass wir mit anderen unterwegs sind und in einer Weg- und Lerngemeinschaft Kirche gestalten.

Sie haben viele Jahre im Landeskirchenamt gearbeitet, waren auch für die Medienarbeit zuständig und hatten viele Bezüge zur heutigen Evangelischen Agentur. Gibt es etwas, das alle drei Einrichtungen und Aufgabenbereiche miteinander verbindet?

Kiefer: Die Aufgaben in den drei genannten Bereichen waren und sind vielfältig und spezifisch. Allerdings hat mir der Service-Charakter der Institutionen immer eingeleuchtet. Gemeinden und Kirchenkreise, aber auch gesellschaftliche Kräfte sollten unsere Service-Angebote kennen, wahrnehmen und schätzen. Aus diesem Grund sind Selbstkritik, Kurskorrektur und Weiterentwicklung stets notwendig und richtig. Mit großem Respekt denke ich an viele Kolleginnen und Kollegen, die mit hoher Kompetenz, Engagement und Herzblut in den Einrichtungen der Landeskirche arbeiten.

In Ihren Funktionen im Landeskirchenamt waren Sie Mitarbeiter einer kirchenleitenden Verwaltung. Gleichzeitig waren Sie verantwortlich für Arbeitsbereiche in Einrichtungen, die operativ tätig waren. Wie haben Sie diese Aufteilung erlebt?

Kiefer: Ich erinnere mich gerne an gelungene Team-Arbeit bei gemeinsamen Projekten und Vorhaben. Es war immer gut, wenn jede*r die jeweils eigene Motivation und Kompetenz eintragen konnte. Es wurde mühsam, wenn Zuständigkeiten nicht klar waren oder in Frage gestellt wurden. Ich hoffe, dass das heute kein Problem mehr ist.

Aktuell diskutieren alle Landeskirchen und kirchlichen Verbände über grundlegende strukturelle Veränderungen und Priorisierungen angesichts zurückgehender Finanzmittel. Was bedeutet das für die ökumenische Arbeit? Ist das eher eine Chance oder Gefahr?

Kiefer: Ich betrachte die geplanten Einsparungen natürlich mit Sorge und hoffe, dass notwendige Veränderungen mit Augenmaß und möglichst im Gespräch mit den betroffenen Institutionen und auch unseren ökumenischen Partnern auf den Weg gebracht werden. Es versteht sich aber von selbst, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es lange gut war. Es ergibt immer Sinn gewachsene Strukturen zu überprüfen und ihre Funktion in der gegebenen Situation anzupassen. Die prägende Bedeutung unserer Partnerbeziehungen ist ja hoffentlich nicht allein durch finanzielle Förderung bestimmt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der evangelischen Kirche auf Ebene der Landeskirche, aber auch darüber hinaus?

Kiefer: Wir alle haben den Auftrag Gottes Liebe zu den Menschen und der Schöpfung weiterzuerzählen und Gestalt gewinnen zu lassen. Dass uns dies auch weiterhin gelingt, dass wir dabei mutig bleiben und gerne Neues ausprobieren, ist mein Wunsch.

Was planen Sie, wenn der Ruhestand wirklich beginnt?

Kiefer: Ich gehe davon aus, dass ich im Ehrenamt dem einen oder anderen Thema treu bleibe, aber freue mich auch darauf die Chancen einer neuen Lebensphase mit weniger Verantwortung und größeren Freiräumen wahrzunehmen und zu nutzen.