Startseite Archiv Tagesthema vom 28. Januar 2022

Neustart mit Hilfe von Ehrenamtlichen

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In einem Modellprojekt nahe Osnabrück helfen Ehrenamtliche Geflüchteten, in Deutschland anzukommen. Das Erfolgsrezept: Die Aufgaben werden auf viele Schultern verteilt, und die Ehrenamtlichen übernehmen für die ersten zwei Jahre die Wohnungsmiete.

Der Segen kommt mit Konfetti per Video, und Gebete gibt es als kurze Online-Clips: Die evangelischen Kirchen in Niedersachsen und Bremen haben am Sonntagabend den neuen Youtube-Kanal BASIS:KIRCHE freigeschaltet. Er soll verstärkt Menschen aus der Altersgruppe zwischen 20 und 45 Jahren erreichen.

Der neue Kanal bringt kirchliche und soziale Inhalte in Videoform und stellt sie auf Abruf zur Verfügung. Er richtet sich an Nutzer die nach etwas anderem suchen als dem klassischen analogen Gottesdienst oder den bereits bestehenden digitalen Angeboten der Kirche. Künftig sollen viermal pro Woche Talks und Reportagen, aber auch kurze Gebetsclips in einer Länge von zwei bis zehn Minuten freigeschaltet werden.

Noch ein Kirchen-Kanal auf YouTube? Warum?

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Videos in unterschiedlichen Kategorien

Gestaltet werden die Beiträge von einem Team von rund 30 jungen Pastorinnen und Pastoren, Religionspädagog*innen und Musikerinnen und Musikern. Diese nehmen die Nutzerinnen und Nutzer mit auf eine Suche nach Sinn und Spiritualität - etwa durch einen Besuch beim Bestatter oder ein Gespräch mit querschnittsgelähmten Menschen. Produziert werden die Videos vom Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen-Bremen (ekn), der unter anderem auch Radio-Beiträge für die Privatsender Radio ffn und Antenne erstellt.

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"Die großen Fragen des Lebens werden heute gegoogelt."

Der neue Youtube-Kanal entstand im Zuge der Corona-Pandemie, in der sich die Kirche verstärkt durch digitale Angebote an die Menschen wendet. „Die großen Fragen des Lebens nach Schuld und Vergebung, nach Liebe und dem Leben nach dem Tod, werden heute gegoogelt“, sagte der Ratsvorsitzende der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, der Oldenburger Bischof Thomas Adomeit. „Als Kirche müssen wir dort präsent sein, wo gesucht wird.“ Die BASIS:KIRCHE soll bis zum Jahresende erprobt werden.

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen
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„Fertig“: Das ist das erste Wort der fremden Sprache, das Hibo Mohamed verinnerlicht hat. Weil die Deutschen „fertig“ so oft gebrauchen. Als die 30-jährige Somalierin diesen Eindruck mithilfe eines Dolmetschers übermittelt, brechen ihre Unterstützerinnen in Lachen aus. Und man ahnt, dass es gelingen könnte: Ein Team aus Einheimischen nimmt eine geflüchtete Familie unter seine Fittiche und sorgt für gutes Ankommen in Deutschland.

Es ist eine bunte Gesellschaft, die an diesem Sonnabend in der evangelischen Kirchengemeinde Schale bei Osnabrück zusammenkommt: Hibo Mohamed, ihr Ehemann Abdirashid und ihre beiden Kinder. Dazu zwei ehrenamtliche Dolmetscher, drei Frauen aus dem Singkreis der Gemeinde und das Pastorenehepaar Annette und Roland Wendland. Sie wollen gemeinsam den „Neustart im Team“ (Nest) wagen.

So heißt das Programm, das die Bundesregierung vor gut zwei Jahren gestartet hat. Das Ziel: Besonders schutzbedürftige Menschen aus Krisenregionen dieser Welt sollen mithilfe guter Begleitung der Zivilgesellschaft nach Deutschland geholt werden und dort Wurzeln schlagen. Mindestens fünf Ehrenamtliche müssen sich dafür zusammentun. Sie sollen sich nicht nur im Alltag um die Geflüchteten kümmern, sondern auch eine Wohnung für sie suchen - und die ersten beiden Jahre die Mietkosten übernehmen. Fast 70 Teams gibt es bundesweit bislang. Dass es nicht mehr sind, hat auch mit Corona zu tun.

Die Familie aus Somalia, die im Osnabrücker Land eine Zukunft sucht, hat schlimme Zeiten hinter sich: Sie lebte mehr als sieben Jahre in Äthiopien, weil in ihrer Heimat Krieg und Terror herrschen. Am 2. September 2021 landen die Geflüchteten in Frankfurt am Main. Schon bei der Ankunft zeigt sich, dass das Nest-Team gut vorbereitet ist: „Ohne den ehrenamtlichen Dolmetscher, der uns zum Flughafen begleitet hat, hätten wir nicht gewusst, wen wir mitnehmen sollen“, erzählt Roland Wendland. Bereits im Mai hatten die Helferinnen mit Hilfe von Kirchengeldern eine kleine Wohnung angemietet: Aufrufe im Gemeindeblatt überzeugten eine Vermieterin, beim Neustart mitzuhelfen. Für die Wohnungseinrichtung sorgten die Ehrenamtlichen.

Die Neuankömmlinge erweisen sich als lernbegierig. Der Sprachkurs, den die Kirchengemeinde auch für andere Geflüchtete anbietet, interessiert sie sehr. Viermal die Woche fährt eine der Ehrenamtlichen die Eltern deshalb im Wechsel aus dem zwölf Kilometer entfernten Dorf, in dem die Familie wohnt, zum Unterricht und zurück.

„Wir haben Glück, dass ihr uns da rausgeholt habt“, lässt Abdirashid übersetzen. „Dafür sind wir sehr dankbar. Ihr seid gute Menschen.“ Die Ehrenamtliche Martha Hesselmann bemerkt grinsend: „Das wird sich zeigen!“ und erntet Lachen. Die 68-Jährige beschreibt den Gewinn, den ihr das Projekt bringt, so: „Ein anderer Wind weht uns um die Nase.“ Ihre 53-jährige Mitstreiterin Ute Bußmann möchte „Einblicke in eine andere Kultur bekommen“. Und Karin Linke (63) ist dabei, „weil sie den Menschen weiterhelfen will“.

Auch dem Pastoren-Ehepaar ist das Projekt ein Herzensanliegen, seit Jahren engagiert es sich für Geflüchtete. Neu am Nest-Programm sei, „dass wir die Leute vorher nicht kennen“, sagt Roland Wendland. Der Pastor kennt die Kritik am Programm: Der Staat wälze seine Aufgabe an Privatleute ab. In gewisser Hinsicht stimme das. Aber: „Wir ersparen den Menschen, dass sie auf ganz gefährlichen Wegen nach Deutschland kommen.“

Ohne die Hilfe einer somalischen Familie aus dem Nachbardorf würde es nicht klappen, sagt der Pastor. „Die gehen mit einkaufen, kümmern sich sehr und sind Gold wert.“ Noch eine wichtige Aufgabe kommt ihnen zu: Sie dienen als Vorbilder, sprechen gut Deutsch und können für sich sorgen, weil der Mann einen Job bei einem Maschinenbauer gefunden hat. Abdirashid hat verstanden, was von ihm erwartet wird. In seiner Heimat war er Lastwagenfahrer, später verkaufte er Tee an einem kleinen Kiosk. „Wir werden tun, was wir tun können.“

Ulrich Jonas (epd)
In einem Modellprojekt nahe Osnabrück helfen Ehrenamtliche Geflüchteten, in Deutschland anzukommen. Bild: epd-Dmitrij Leltschuk