Sicherheit zwischen Freiheit und Verantwortung – unter diese Überschrift setzte Ralf Meister, Bischof der hannoverschen Landeskirche, seinen Bericht während der II. Tagung der 27. Landessynode.
Sicherheit, so Meister, sei in den vergangenen Jahrzehnten zu einem zentralen Leitbegriff geworden. Dabei sei sie mehr als Schutz vor Krieg, Kriminalität oder Terrorismus. Sicherheit umfasse heute auch Energieversorgung, Ernährungssicherheit, die soziale Sicherheit von Renten bis Mieten, ärztliche Versorgung und „immer drängender die digitale Sicherheit“. Der leitende Geistliche würdigte in diesem Zusammenhang zunächst besonders die Arbeit der Feuerwehr, namentlich die der Freiwilligen Feuerwehr, die allein in Niedersachsen 124.000 Mitglieder habe. Von der unlängst zu Ende gegangenen Messe "Interschutz", die er regelmäßig besuche, hatte Meister ein Outdoor-Radio mitgebracht – als Symbol für die Notwendigkeit, sich von gewohnter Energieversorgung unabhängig zu machen.
Sicherheit sei dabei nie neutral. „Jede Sicherheitsmaßnahme betrifft Werte wie Freiheit, Privatsphäre, Gleichheit oder Selbstbestimmung.“ Daher sei die Frage nach Sicherheit eng verbunden mit dem Diskurs darüber, wie eine Gesellschaft zusammenleben will. „Demokratische Gesellschaften stehen daher vor der dauerhaften Aufgabe, zwischen diesen Bedürfnissen abzuwägen“, sagte Meister. „Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Sicherheit oder Freiheit wichtiger ist, sondern wie beide in ein ausgewogenes und gerechtes Verhältnis gebracht werden können.“ Ziel in einer demokratischen Gesellschaft sollte nicht die größtmögliche Kontrolle sein, „sondern der Schutz der Bedingungen, die ein freies und selbstbestimmtes Leben ermöglichen.“
In der Theologie und auch in den biblischen Texten komme das Wort „Sicherheit“ kaum vor. Die Sicherheit gelte in biblischer Rede der Gewissheit des Glaubens. „Das ist der Unterschied zwischen Sicherheit und Gewissheit.“
Für die kirchliche Praxis sei es allerdings eine entscheidende Aufgabe, alle kirchlichen Orten zu „sicheren Orten“ zu machen. In diesem Zusammenhang verwies der hannoversche Bischof auf die Anerkennungsrichtlinie der Evangelischen Kirchen in Deutschlang (EKD) zur Anerkennung sexualisierter Gewalt, die seit dem 1. Januar 2026 auch in den evangelischen Kirchen in Niedersachsen sowie der Bremisch Evangelischen Kirche gelte. Nun gebe es „endlich gemeinsame Standards“.
Aus dem reformatorischen Denken, für das die Unterscheidung von weltlichem und geistlichem Bereich zentral sei, ergebe sich für die Kirche eine doppelte Aufgabe: „Sie anerkennt die Verantwortung des Staates für Sicherheit als Teil göttlicher Weltordnung im weltlichen Regiment. Zugleich bleibt sie kritische Begleiterin, die daran erinnert, dass alle staatliche Macht an den Menschen gebunden ist und sich an Gerechtigkeit, Maß und Schutz der Schwachen messen lassen muss, ja, dass sie aufgehoben wird in Gottes Wort“, so Ralf Meister.
Gelebte Solidarität – Zusammenhalt
Demokratie, Zusammenhalt und Nächstenliebe – wie grundlegend diese Werte für eine christliche Haltung seien, das zeige sich im heutigen Thementag der Landessynode. So Ralf Meister mit Blick auf den Nachmittag. Schwerpunktmäßig werde es darum gehen, wie Demokratie gestärkt werden kann unter verfassungsrechtlichen, ostdeutschen politischen und theologischen Perspektiven.
Zum Engagement gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit gehöre für ihn, so der leitende Geistliche, „in besonderer Weise auch der Einsatz gegen Antisemitismus“. Im vergangenen Jahr seien allein in Niedersachsen im Durchschnitt pro Woche 13 antisemitische Vorfälle dokumentiert worden. „Das ist ein neuer Höchststand.“
Antisemitismus sei in jeder Form zurückzuweisen und dürfe in keinem Fall durch politische Konflikte im Nahen Osten verstärkt oder relativiert werden. „Es muss unbedingt unterschieden werden zwischen jüdischen Menschen und dem Handeln des Staates Israel und seiner aktuellen Regierungspolitik.“ Im landeskirchlichen Projekt „In Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft – Gemeinsam gegen Antisemitismus“, gestartet im vergangenen Jahr, engagierten sich mittlerweile 31 Kirchengemeinden.
Zur aktuellen Situation im Nahen Osten nahm der hannoversche Bischof explizit Stellung. Der Staat Israel habe unter seiner rechtsextremen Regierung eine Strategie entwickelt, die bedrohlich sei. Als Beispiel nannte er die völkerrechtswidrig ernannten Siedlungen im Westjordanland. Er berief sich auf Berichte der UN-Menschenrechtskommission, Human Rights Watch und Amnesty International. Er selbst sei mit der Initiative „Rabbis For Human Rights“ in das Westjordanland gereist und hab sich von der offenen Gewalt durch Siedler erzählen lassen.
Er bat die Landessynode, zu einer der nächsten Tagungen ein Mitglied der Evangelical Lutheran Church in Jordan and the Holy Land (ELCJHL) einzuladen, um „ihren Schrei um Hoffnung und Frieden“ zu hören.
Wachsamkeit und Gesprächsfähigkeit
„Die gesellschaftlichen Polarisierungen der vergangenen Jahre machen auch vor unserer Kirche nicht Halt“, konstatierte Meister. „Fragen nach dem Verhältnis von christlichem Glauben, politischer Kultur und demokratischer Verantwortung werden mit großer Leidenschaft und nicht selten mit wechselseitigen Verdächtigungen auch unter Christinnen und Christen geführt.“
Kirche stehe aber nicht für Gesinnungskontrolle oder die Mentalität einer geistlichen Überwachung. Sie müsse vielmehr fähig sein, zwischen legitimen theologischen Überzeugungen und politischer Radikalisierung unterscheiden zu können. „Wo Konflikte entstehen, darf der Gesprächsfaden nicht abreißen.“
In diesem Zusammenhang hob der hannoversche Bischof besonders die Arbeit des Weltanschauungsbeauftragten Dr. Daniel Rudolphie hervor. Er würdigte auch die Arbeit der Evangelischen Akademie Loccum, die in diesem Jahr seit 80 Jahren besteht, sowie die Tätigkeit des Religionspädagogischen Instituts Loccum, das 2025 sein 75-jähriges Jubiläum feierte. Beide Einrichtungen stünden „in besonderer Weise für eine Kirche, die theologische Reflexion, Bildungsarbeit und gesellschaftliche Verantwortung miteinander ins Gespräch bringt“.
Neuen Kasualformaten mit Gelassenheit begegnen
„Ich mahne zur Gelassenheit im Umgang mit neuen Kasualformaten“, so Bischof Meister. Zwar habe die Berichterstattung über eine Lebenswendfeier in Hannover innerkirchlich als vermeintliche "Konfirmation light" für erheblich Unruhe gesorgt. Er habe aber mit den Verantwortlichen dieses Formats gesprochen und es bestünde Einigkeit darin, dass es eine „klare konzeptionelle und theologische Unterscheidung“ zur Konfirmation geben müsse. „Die Kommunikation dieses Projekts war schlecht, weil sie als Konkurrenzangebot zur Konfirmation vermittelt wurde, was es nicht ist.“ Er mahne vielmehr zur Gelassenheit, denn aus einzelnen neuen Formaten lasse sich kein grundlegender Traditionsabbruch ableiten.
Die hannoversche Landeskirche sei in unterschiedlichen neuen Formaten unterwegs. Als Beispiele nannte er die Präsenz bei der Landesgartenschau in Bad Nenndorf, das kirchenmusikalische Projekt „Wer singt, blüht auf“, Gottesdienste im Umfeld von CSD-Kundgebungen wie auch die Aktion „Einfach heiraten“, die rund um den 26.6.2026 in zahlreichen Gemeinden stattfindet. „Lasst uns feiern, präsent sein und segnen.“ Auch das diesjährige Landesjugendcamp in Verden würdigte der leitende Geistliche in seiner „entspannt, chilligen Atmosphäre“.
Kirche werde heute weniger selbstverständlich vorausgesetzt, sondern stärker daran gemessen, ob sie die Lebensübergänge gut begleiten und gesellschaftliche Vielfalt sprachfähig machen könne. „Dafür braucht es theologische Sorgfalt, klare Unterscheidungen zwischen den Formaten und zugleich die Offenheit, neue Ausdrucksformen nicht vorschnell zu begrenzen.“ Die Sorgen um theologischen Wildwuchs oder reine Spielereien begleiteten dabei alle Planungen neuer Formate.
Menschen verbinden – Zukunft eröffnen
Das von der Synode beschlossene Fundraisingkonzept einschließlich der Förderung durch ProFund sei erfolgreich, so der leitende Geistliche. „Inzwischen verfügen 39 Kirchenkreise über Fundraisingstellen; sieben Stellen sind noch in der Besetzung. Ein weiterer Kirchenkreis arbeitet ehrenamtlich mit einem ehemaligen Amtsleiter.“ Damit sei Fundraising in 40 Kirchenkreisen verankert.
Es gehe aber beim Fundraising nicht zuerst um das Sammeln von Geld. Es gehe vielmehr darum, Menschen mit Menschen zu verbinden. Kirchliches Fundraising zeichne sich dadurch aus, dass es sichtbar mache, „wem geholfen wird, wer handelt, wer hofft, wer sich engagiert.“ Bei seinen Begegnungen mit Fundraising-Teams erlebe er hochmotivierte Menschen. „Die muss man nicht ermutigen, hoffnungsvoll und zuversichtlich zu sein, sie sind es einfach!“
Ein dreifaches Halleluja
Das obligatorische „Halleluja“ am Ende seines Berichtes widmete Ralf Meister dem Ehepaar Sassen aus Altenbruch bei Cuxhaven, den Obstbäuerinnen und -bauern in Niedersachsen sowie dem Klimaweisen-Rat.
Das Töpfer-Ehepaar Sassen hatte zum Jubiläum „500 Jahre Reformation von unten“ mit Grundschulkindern ein Mosaik aus 120 Kacheln geschaffen, das während eines Gottesdienstes enthüllt wurde. „Solche Zusammenarbeit zwischen engagierten Menschen vor Ort und unseren Kirchengemeinden ist großartig und geschieht vielfach.“
Bei seiner jährlichen landwirtschaftlichen Tour machte der Bischof Station auf insgesamt drei Obsthöfen, zwei von ihnen im Alten Land, einer in Kleinburgwedel bei Hannover. Wer Obst anbaue, denke weit über die nächste Ernte hinaus. „Die Familien tragen Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung, für regionale Wertschöpfung und für unsere Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln. Und sie tun es oft seit vielen Generationen auf ihren Höfen.“
Für den Austausch mit dem interdisziplinär besetzten „Klimaweisen-Rat“, den er im Mai besucht habe und dem der Synodale Florian Oppermann (Sprengel Hannover) angehört, sei er sehr dankbar, so Meister zum Schluss seines Berichtes. „Besonders eindrücklich ist für mich das ehrenamtliche, unabhängige und überparteiliche Engagement der Mitglieder.“ Er selbst werde nicht müde zu betonen, dass Kirche eine entscheidende Verantwortung für den Klimaschutz trage.