Dröge: Kirche hat Rolle in wehrhafter Demokratie

Eine männlich lesbare Person an einem Rednerpult
Bild: Jens Schulze

Im Rahmen des Themenschwerpunktes „Demokratie stärken“ hat der Theologe und ehemalige Bischof Dr. Dr. h.c. Markus Dröge vor der Landessynode über die theologische Perspektive gesprochen. Dröge war Mitglied des Rates der EKD und war 2009 bis 2019 Bischof der EKBO (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz).

„Das Thema begleitet mich schon lange, ohne dass ich es mir ausgesucht hätte“, begann der ehemalige Bischof der EKBO seinen Impuls. Seit 2014 führt er die Auseinandersetzung mit dem autoritären Rechtspopulismus, der die gesellschaftliche Atmosphäre insbesondere in den zur EKBO zählenden brandenburgischen Dörfern, Orten und Städten spürbar verändert habe. „Wir müssen als Kirche klug, klar und an der Sache orientiert unsere Rolle in einer wehrhaften Demokratie einnehmen“, sagte Dröge.

Grundorientierung nach 1945 – die Barmer Theologische Erklärung

Die Verteidigung der Demokratie sei kein Nebenschauplatz kirchlichen Handelns, sondern ergebe sich aus einem theologischen Grundverständnis, das nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) neu geschärft wurde. „Die Kirche, die es aufzubauen galt, sollte in der Tradition der Bekennenden Kirche stehen“, erinnerte Markus Dröge. Die Barmer Theologische Erklärung von 1934 erinnere daran, dass christlicher Glaube nicht auf das Private beschränkt werden könne. Wo Menschenwürde verletzt, Freiheit eingeschränkt oder Ausgrenzung legitimiert wird, sei kirchliches Zeugnis gefordert. „Die historische Erfahrung deutsch-christlicher Glaubensirrtümer stiftet als bleibendes Band der Gemeinschaft in der EKD eine zentrale Erkenntnis: Diese Gemeinschaft bleibt nur dann Kirche, wenn sie bereit ist, Zeugnis abzulegen und in actu zu bekennen, das heißt für eine gemeinsame Botschaft auch handelnd einzutreten“, zitierte der Theologe aus der Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland. 

„Wir haben seit 1945 viele Lernerfahrungen gemacht“, sagte Dröge. „Die emanzipatorische Kraft eines eigenen Kirchenverständnisses, das sich nicht vom Staat bestimmen lässt, gehört heute zu unserem Wesenszug als Kirche. Der Theologe bezog sich dabei auf These 5 der Barmer Erklärung. Sie formuliere klar den Auftrag der Kirche, „Regierende und Regierte u. a. an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit“ zu erinnern. „Das ist der politische Auftrag der Kirche. Und wir dürfen uns dabei den Mund nicht verbieten lassen“, so Dröge. 

Die Vorhaltungen einiger Politiker, darunter auch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), die von der Kirche politische Zurückhaltung erwarten, wies er als grenzüberschreitend zurück. „Wir können, dürfen und wollen uns nicht von der Politik vorschreiben lassen, wie wir aus dem Wesen der Kirche und aufgrund unserer Bekenntnisgrundlagen unseren Dienst und Auftrag verstehen.“

Der Mensch als Ebenbild Gottes – Menschenwürde – Grundgesetz

Diese Kirche solle nicht nur ihren Glauben verkünden, sondern auch öffentlich für die Würde jedes Menschen eintreten. Sie rühre aus der Überzeugung von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und bilde eine enge Verbindung zu den Werten des Grundgesetzes: Menschenwürde, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, dem Schutz der Schwächeren (Sozialstaatsprinzip) und dem Prinzip der Checks and Balances, das Machtwillkür verhindere. „Wir haben in der Aufarbeitung der kirchlichen Schuldgeschichte des Dritten Reiches gelernt, den Antisemitismus und Antijudaismus theologisch aufzuarbeiten“, sagte der ehemalige oberste Geistliche der EKBO. „Wir haben gelernt, dass jeder autoritäre Nationalismus den Weltfrieden gefährdet, und fühlen uns deshalb dem europäischen Geist der Versöhnung verpflichtet. Das ist ein guter Lernweg, den wir glaubwürdig auch in unserer Gesellschaft heute verteidigen müssen.“

Konsequenzen für den kirchlichen Auftrag heute

In der aktuellen Situation bedeute dies, gut darauf zu achten, wer mit welcher Haltung und Überzeugung in kirchliche Ämter komme, denn alle Ebenen seien für die Gestalt der Kirche verantwortlich: „Wir müssen mit hoher Geistesgegenwart beobachten, welche Kräfte heute gesellschaftlich, politisch und geistig am Werk sind.“ Dazu gehöre auch die Wahrnehmung von autoritär-evangelikalen Tendenzen an den extremen Rändern, die nah an die Ideologie der Deutschen Christen im Dritten Reich heranreichen. „Moralische Entrüstung hilft dabei wenig. „Wir müssen uns selbst intensiv theologisch und geistlich rüsten, um in sachlicher Klarheit diesen irregeleiteten theologischen Auffassungen zu widersprechen“, betonte Markus Dröge.  

Beispielhaft nannte er die Predigt von Bischöfin Mariann Edgar Budde nach der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten und die klare Stellungnahme der Deutschen Bischofskonferenz vom Februar 2024. 
Auch die Erklärung der Leitenden Geistlichen der evangelischen Kirchen in Niedersachsen und Bremen vom 5. Mai 2026 zu „Menschenwürde – Nächstenliebe – Zusammenhalt“ sei gut und wichtig.

„Wir brauchen gemeinschaftlich getragene, klare, theologisch gut begründete öffentliche Erklärungen. Wir brauchen die Beteiligung an Demonstrationen als öffentliche Zeichen aus der Mitte der Bürgerschaft. Sie stärken die Leute vor Ort, die den Rechtsextremen etwas entgegensetzen. Wir reden auch für die, die nicht reden können.“

Gespräch suchen oder verweigern? 

Die Zustimmungsrate zur AfD sei unter katholischen und evangelischen Christinnen und Christen nicht signifikant anders als in der Gesamtbevölkerung, sagte Dröge. Zwar verfüge das evangelisch engagierte Milieu durchaus über Widerstandskraft gegen autoritäre, grundgesetzfeindliche Strömungen. „Trotzdem: Wir müssen damit leben, dass es alle Schattierungen einer Nähe zur AfD auch in ‚unseren‘ Gemeinden gibt. Dabei ist die Motivationslage nicht unbedingt konsistent.“ Der Theologe riet: Weder Ausgrenzung noch Naivität. Gespräche suchen, genau differenzieren und keinesfalls unvorbereitet in den Austausch hineingehen. Man müsse sich auf Provokation einstellen. 

Und Dröge empfahl klare Grenzen: Zu unterscheiden sei zwischen Funktionären, die gezielt provozieren oder demokratische Grundwerte infrage stellen, und Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Motiven populistischen Positionen folgen. Gerade im persönlichen Gespräch könnten Widersprüche sichtbar und Denkprozesse angestoßen werden. Deshalb: Kein Podium für Funktionäre und keine offiziellen öffentlichen Gespräche mit Vertretern der Partei, wie Kirche sie mit den demokratischen Parteien pflege, um den Eindruck zu vermeiden, Kirche akzeptiere die AfD als normale demokratische Partei. Besser sei es, sich auf ein Thema zu konzentrieren, dieses fachlich gut vorzubereiten und dann die fachspezifischen Fachleute der Partei einzuladen. "Dann können alle sehen, ob die AfD ein tragfähiges Konzept beispielsweise zum Sozialstaat hat oder nicht."

Bei allen Gesprächen müsse man sich über das Ziel im Klaren sein: Die grundlegenden Differenzen und die Folgen für das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Leben herauszuarbeiten. „Dafür brauchen wir dringend öffentliche Formate.“ Aus der Perspektive des ehemaligen Bischofs müsse insbesondere der Deutsche Evangelische Kirchentag ein Ort sein, um solche Formate auszuprobieren.