Abkehr von der „Herren-Kirche“
Vor den 77 Mitgliedern der frisch konstituierten 27. Landessynode hat Landesbischof Ralf Meister in seinem Bischofsbericht auf die immer gleichberechtigtere Leitungsstruktur der Landeskirche hingewiesen. „Es ist großartig, dass diese Synode ihren Start damit setzt, dass zum ersten Mal eine Frau als Präsidentin diesem Organ vorsteht“, sagte Meister zu der Wahl von Wencke Breyer als Präsidentin der Landessynode.
48 Prozent der Mitglieder der Landessynode seien weiblich, dazu der Bischofsrat momentan mit drei Frauen und drei Männern besetzt. Aus einer „Herren-Kirche“ sei auch in den Leitungsebenen eine Gemeinschaft von Frauen und Männern geworden, konstatierte der leitende Geistliche.
Er freue sich auf die Arbeit mit den Synodalen und werde als Bischof bis zum Frühjahr 2028 gerne mit den gewählten und berufenen Vertreterinnen und Vertretern der sechs Sprengel zusammenarbeiten.
Wichtig für die Legislaturperiode von sechs Jahren sei es, dass die Atmosphäre stimme, was in „Wertschätzung, Wohlwollen, Hörbereitschaft und Fehlerfreundlichkeit auch in strittigen Fragen“, deutlich werde.
Macht und Missbrauch
In seinem Bericht nahm Meister auch Stellung zum Thema „Macht und Missbrauch“. Für Leitungsgremien, zu denen auf Ebene der Landeskirche auch die Landessynode gehöre, sei die aufmerksame Auseinandersetzung mit Macht wichtig. „Macht und Missbrauch liegen eng beieinander“, sagte Meister. „Sexueller Missbrauch ist das folgenreichste Beispiel für Machtmissbrauch in unserer Kirche. Wer Leitungsaufgaben in der Kirche übernimmt, beruflich tätig oder ehrenamtlich, erhält Macht und trägt dafür Verantwortung.“ Entscheidend sei, wie Macht ausgeübt werde. Er wünsche sich einen „fairen, transparenten und respektvollen Umgang“.
Ausdrücklich begrüßte Ralf Meister in diesem Zusammenhang den Antrag des Synodalen Maximilian Bode (Sprengel Stade). Dieser beantragte, die Einbeziehung von und den Umgang mit betroffenen Personen institutionalisiert einzubetten. Dieses Thema zeige am eindrücklichsten, so der Bischof, dass eine Institution nur in einem fortwährenden Prozess der Veränderung ihre Aufgabe dauerhaft wahrnehmen könne. „Es geht um Schuld und Versagen, um Prävention, Anerkennung, Aufarbeitung, um glaubwürdiges Handeln und vor allem um die persönliche Haltung gegenüber betroffenen Personen.“
Kirche als Institution
Was macht eine Institution aus? Nach den Worten von Landesbischof Ralf Meister stehen Institutionen einerseits für Dauer, andererseits sollen sie sich aber auch ihrer jeweiligen Zeitgebundenheit bewusst sein.
„Die Kirche ist eine Institution“, so der Bischof. Sie habe eine Organisation, aber das berühre nicht ihre Identität. „Ihre Identität hat die Kirche als Glaubens- und Handlungsgemeinschaft. Eine organisierte Rechtsgemeinschaft ist sie, um ihre identitätsstiftenden Merkmale zu verwirklichen.“ Dabei sei die Reihenfolge wichtig von Glaubensgemeinschaft, Handlungsgemeinschaft und Rechtsgemeinschaft.
Aus der Ansage des Gottesreiches, die Jesus verkündete, „ist die verbindliche Gemeinschaft entstanden, die in der Institution Kirche Bestand hat“. In vielen Bereichen würden Institutionen jedoch grundsätzlich angefragt, sei es auf Ebene der politischen Parteien, der europäischen Gremien oder eben auch der kirchlichen Strukturen. „Dabei wird verkannt, dass diese Regelsysteme eine Wertebasis bilden und eine wichtige Funktion erfüllen.“ Nicht jede vorfindliche Gestalt einer Institution sei gutzuheißen, aber sie ermöglichten „unsere individuelle Existenz und reichen bis zur höchsten Sicherungsebene unseres demokratischen Staatswesens“.
Drei Gefährdungen von Institutionen
Institutionen wie die Kirche und deren „lebensdienliche Funktion“ sieht Ralf Meister aktuell von drei Seiten bedroht: von außen durch erstarkenden Rechtsnationalismus, von innen durch einen übersteigerten Subjektivismus sowie durch die Gefahr eines allzu sorglosen Umgangs mit Künstlicher Intelligenz (KI).
In Bezug auf den Rechtsnationalismus sagte Meister in seinem Bericht vor der Landessynode: „Die Aushöhlung von Institutionen ist in rechtsnationalistischen Regierungen inzwischen ein bekanntes Phänomen.“ Dabei werde der Staat nicht mit einem Putsch zerstört, sondern Institutionen würden Schritt für Schritt umgebaut.
Für den leitenden Geistlichen stellt die AfD solch eine Gefährdung staatlicher Institutionen dar. Mit Verweis auf die vor wenigen Tagen erfolgte Einstufung der niedersächsischen AfD als „gesichert rechtsextrem“ sagte Meister: „Wir stehen klar gegen rechtsextreme, rassistische und ausländerfeindliche Ideologien. Sie stehen im grundsätzlichen Widerspruch zu Nächstenliebe. Diese Haltung ist nicht abstrakt, sondern muss sich im Alltag zeigen, besonders dort, wo Menschen, die sich für Demokratie und gegen Rechtsextremismus einsetzen, bedroht werden.“ Kirche solle keine Politik machen, aber sie müsse „menschenwürdige Politik“ möglich machen.
„Freiheit ist individuell, aber nicht egozentrisch.“ Mit diesem Wort des ehemaligen EKD-Ratsvorsitzendem Bischof Wolfgang Huber skizzierte Meister die zweite Gefährdung von Institutionen, die im Gegensatz zum erstarkenden Rechtsnationalismus eher von innen komme: der übersteigerte Subjektivismus. „Nicht der Mangel an Freiheit oder der Mangel an Demokratie ist das Problem in unserem Rechtsstaat. Aber immer deutlicher wird, dass es einen Mangel an Bindungskräften gibt, die die Freiheit garantieren“, so der leitende Geistliche. Freiheit diene nicht dem individuellen Vergnügen, sondern sei ein Dienst am Gemeinwohl.
Die dritte Gefährdung von Institutionen sieht der hannoversche Bischof im „oft sorglosen und experimentellen Umgang mit KI“. Künstliche Intelligenz habe das Potenzial, Verantwortungslogiken zu verschleiern und zu verschieben. „KI-Systeme wirken benutzerfreundlich, weil sie mühelos komplexe Aufgaben erledigen. Aber sie machen auch sorglos. Mir erscheint das als ein grundsätzliches Risiko.“ KI werde ganze Systeme und weite Teile des Lebens prägen, wobei die Herkunft ihrer Ergebnisse schwer zu erkennen sei.
Die Kirche dagegen halte er für eine „lebensdienliche Institution“: „Sie ist immer umstritten, immer kritisierbar, immer veränderbar. In ihr werden Menschen schuldig, und als Institution kann sie versagen. Aber ich halte sie – auch in ihrer institutionalisierten Form – für wert, dass es sie gibt.“