Ein Taufstein als Hauptdarsteller

Nachricht 03. März 2020

Der Hauptdarsteller ist angekommen und freundlich in Empfang genommen worden. Einige Neugierige zücken ihre Handykameras, wollen das Ereignis im Bild festhalten. Kein Schauspielstar, keine berühmte Musikerin ist da gerade in Obernkirchen gelandet, sondern ein 500 Jahre alter Taufstein. Er steht im Mittelpunkt des „Erlebnis-Raums Taufe“, der vom 12. April bis 27. September 2020 in der Stiftskirche St. Marien eingerichtet ist. Die Raum-Installation mit einer 180-Grad-Projektion und dem mittelalterlichen Taufstein wurde erstmals während des Reformationsjubiläums 2017 in der Lutherstadt Wittenberg von der hannoverschen Landeskirche präsentiert.

"Der ideele Wert ist unschätzbar."

Zunächst steht der Stein noch gut verschnürt auf einer Europalette auf der Ladefläche eines Lieferwagens der Steinmetzfirma Meier. Bevor ein Kran das zentnerschwere Stück anhebt, hämmert Mitarbeiter Matthias Krömer lieber noch ein paar Nägel in die Palette. Nicht auszudenken, wenn die Holzbalken jetzt nachgeben. Der Taufstein ist zwar mit 50.000 Euro versichert, aber das ist lediglich ein fiktiver Wert.

„Der ideelle Wert ist unschätzbar“, sagt Eckhard Arndt, Kirchenführer in der St.-Aegidien-Kirche Hülsede. Dort hat der Stein aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts seine Heimat, Arndt hat ihn bereits nach Wittenberg und jetzt auch nach Bergkirchen begleitet. Fallen in seiner Gemeinde etwa so lange die Taufen aus? „Nein“, sagt Arndt und lacht. Zumeist nutzten die Hülseder einen zweiten Taufstein von 1671. „Nur einige Einheimische legen Wert darauf, ihre Kinder in dem alten Stein taufen zu lassen.“ Dafür gebe es einen Extra-Aufsatz. „Ansonsten würden da 100 Liter Wasser reinpassen.“

„Der Taufstein hat die Menschen geerdet“

Man habe für die Wittenberger Ausstellung einen Taufstein gesucht, der rund 500 Jahre alt ist – so alt wie die Reformation, erläutert Projektleiterin Dr. Heike Köhler. Er habe eine repräsentative Größe und war der Kontrapunkt zu der modernen medialen Inszenierung des Erlebnis-Raums. „Der Taufstein hat die Menschen geerdet“, sagt Köhler. Sie seien fasziniert von dem Gedanken, dass in ihm seit 500 Jahren Menschen getauft werden. Der Obernkirchener Kirchenvorsteher Werner Hobein trat nach dem großen Jubiläumsjahr mit der Bitte an die Projektleiterin heran, ob sie nicht mit ihrem Erlebnis-Raum in der Stiftskirche „vorbeikommen“ könne. Kein ganz einfaches Unterfangen, aber der Gedanke stieß doch schnell auf Sympathie. „Es wäre schade gewesen, das alles wieder einzumotten“, sagt Köhler, die nun während der Ausstellungszeit in Obernkirchen arbeitet; zur Hälfte auch als Gemeindepastorin.

"Viel Geduld und Umsicht"

„Noch zehn Zentimeter weiter nach rechts“, dirigiert Ulrike Tüpker den Steinmetzmeister Claus Meier und seine Mannen. Die Kulturmanagerin und Innenarchitektin aus Bielefeld hat die künstlerische Leitung des Erlebnis-Raums Taufe übernommen. „Wir sollten den Stein am Fenster dahinter ausrichten“, sagt sie und erntet Zustimmung. Gebannt schauen auch die ehrenamtlichen Mitglieder des Lenkungskreises zu, die seit Monaten mit den Vorbereitungen beschäftigt sind. Mittlerweile hängt der Taufstein an einer Seilwinde an einem Metallgestell über seinem künftigen Standort und kann nun feinjustiert werden. Claus Meier und seine Mitarbeiter Matthias Krömer und Guido Klaus tun dies alles mit großer Geduld und Umsicht. Die Steinmetzfirma aus Obernkirchen hatte den Taufstein aus Obernkirchener Sandstein bereits 1999 restauriert, im Jahr 2017 nach Wittenberg und wieder zurück nach Hülsede transportiert und ist natürlich auch diesmal zur Stelle – es ist ja ein „Heimspiel“.

„Eine große Chance für Obernkirchen“

Das gilt auch für die benachbarte Landeskirche Schaumburg-Lippe. „Wir sind sehr dankbar, dass die hannoversche Landeskirche so was Tolles hier auf die Beine stellt“, sagt Lutz Gräber, Theologischer Referent im Landeskirchenamt in Bückeburg. „Wir werden uns mit ehrenamtlichen Helfern engagieren“, kündigt er an. Die werden für die Zeit von April bis September auch dringend benötigt. Wer mag, kann für vier Tage im benachbarten Stift einchecken und in einem schlichten Zimmer mit Blick auf eine mittelalterliche Klosteranlage wohnen.

Stiftsdame Sybille Schlusche, zugleich Leiterin des benachbarten Museums, sieht in der Ausstellung eine große Chance für Obernkirchen. Die reiche Historie des Ortes ist vielen Auswärtigen nicht mehr geläufig. Schlusche wird 30-Minuten-Stiftsführungen organisieren und hält die Fäden für das umfangreiche Beiprogramm in den Händen.

Eine Reihe von Veranstaltungen rundet den Erlebnis-Raum Taufe ab. Ostersonntag, 12. April, wird Landesbischof Ralf Meister die Ausstellung eröffnen. Am 28. Juni wird im Deutschlandfunk ein Radiogottesdienst aus Obernkirchen übertragen, die Predigt hält Margot Käßmann. Auch das Kulturprogramm kann sich sehen lassen: „Liquid Soul“ machen Musik aus Luft und Wasser, ein Tanzprojekt des Ratsgymnasiums Minden hat eine Choreographie zur Taufe erarbeitet und der Jazzchor Minden rückt mit 50 Sängerinnen und Sängern an, um sein Publikum zu begeistern. Darüber hinaus gibt es ein Landfrauen-Fest, eine Bachkantate zum Mitsingen, ein Konfi-Projekt, eine Lesung, geführte Wanderungen und manches mehr. Wie ein Fels in der Brandung immer dabei: der Taufstein aus Hülsede.

Lothar Veit

Mitarbeiter*innen gesucht!

„Es war einfach der Hammer!“ – „Ich bin unendlich dankbar für die Erfahrungen, die ich hier machen durfte!“ So beschreiben Mitarbeitende des Erlebnis-Raums Taufe in Wittenberg ihren Dienst 2017.

Auch für den Erlebnis-Raum Taufe Obernkirchen sucht das Vorbereitungsteam Mitarbeiter*innen, die Lust und Zeit haben, sich auf diese bereichernde Aufgabe einzulassen. Mitarbeiter*innen, die während der Öffnungszeiten die Besucher*innen herzlich willkommen heißen und für Gespräche zur Verfügung stehen. Der Erlebnis-Raum Taufe ist immer von Donnerstag bis Sonntag geöffnet. Eine Mitarbeit ist in einer Wochenschicht (Donnerstag bis Sonntag) möglich. Übernachtungsplätze stehen im angrenzenden Stift zur Verfügung. Es wird in zwei Schichten à cirka vier Stunden mit jeweils vier Personen gearbeitet, so dass Berufstätige unter Umständen die Donnerstags- und Freitagnachmittagsschicht übernehmen können.

Alle Mitarbeiter*innen sind herzlich eingeladen, am Mittwoch um 18.30 Uhr am ökumenischen Abendgebet in der Stiftskirche teilzunehmen. Von 19 bis 20 Uhr erhalten alle Mitarbeiter*innen eine Einführung in den Dienst. Das Konzept des Erlebnis-Raums Taufe Obernkirchen ist selbsterklärend. Dabei ist Stille eine der wichtigsten Komponenten, durch die sich das eigene Erleben der Besucher*innen entfalten kann.

Schriftliche Bewerbungen an: Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Obernkirchen, Stichwort: Mitarbeit Erlebnis-Raum Taufe, Kirchplatz 3, 31683 Obernkirchen. Oder per E-Mail an: anmeldung@erlebnisraumtaufe.de (ein Formular steht unter www.erlebnisraumtaufe.de zum Download bereit). Nachfragen: Dr. Heike Köhler, Telefon 0160/2786884.

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