Angst vor Veränderung als menschliche Schwäche

Nachricht 22. September 2022
Der Münchner Soziologieprofessor Armin Nassehi sprach auf Einladung von Regionalbischöfin Dr. Petra Bahr beim Generalkonvent des Sprengels Hannover. Foto: Sabine Dörfel

Hannover. „Wir leben inmitten sich häufender Krisen, über die wir dank der Medien und öffentlicher Diskussionen bestens informiert sind“, stellte Armin Nassehi, Professor für Soziologie an der Universität München, fest. „Wir wissen, dass wir beispielsweise angesichts der drohenden Klimakatastrophe unser Leben ändern müssten, dennoch geht die Alltagsroutine der meisten Menschen unvermindert weiter.“ Die Gründe für diese „gesellschaftliche Trägheit“ gelte es herauszufinden, um Verhaltens- und Einstellungsveränderungen einzuleiten, forderte er in seinem Vortrag „Leben in überlagernden Krisen“.  

Nassehi sprach auf Einladung der Regionalbischöfin Dr. Petra Bahr jetzt bei dem Generalkonvent des Sprengels Hannover in der Epiphanias-Kirche Hannover. „Wir wissen, dass wir uns anders verhalten müssen, beispielsweise zur Verringerung des CO2-Ausstoßes weniger Auto fahren, und tun es trotzdem nicht“, sagte er. Wissen und der zumeist vorhandene gute Wille vieler Menschen reichten allein nicht. „Einstellung und Handeln klaffen auseinander, unser tatsächliches Verhalten folgt anderen Regeln als rationalen Entscheidungsgründen“, betonte der Wissenschaftler. Die Gesellschaft stehe geradezu vor einer „Theodizee“-Frage: „Warum lassen wir es zu, dass alles so weiterläuft, obwohl wir wissen, dass sich vieles dringend ändern müsste?“

Stärker an Sachfragen orientieren

Zu der persönlichen Trägheit komme die „Trägheit des politischen Systems“, sagte Nassehi. Zur Verhinderung der Klimakatastrophe notwendige Gesetzesänderungen oder die Einführung von neuen Technologien gelängen nur, wenn es sich für die Akteure wirtschaftlich oder politisch lohne. Politiker richteten ihr Handeln so ein, dass sie wiedergewählt würden, Unternehmen sicherten vorrangig ihr Bestehen am Markt, führte der Professor aus. Er forderte eine stärkere Orientierung an Sachfragen und kritisierte eine „dazu gering ausgeprägte Bereitschaft in Deutschland“. Als Beispiel für eine Priorisierung von Sachdimensionen nannte er die Erfolge der Palliativmedizin. „Hier ist es gelungen, viele Beteiligte wie Ärzt*innen, Wissenschaftler*innen oder Pflegekräfte an einen Tisch zu holen und das Thema auf der Grundlage der jeweiligen Sachkompetenzen miteinander zu verhandeln“, führte Nassehi aus, der auch dem Bayerischen Ethikrat und dem Beirat des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft angehört.

Alte Selbstverständlichkeiten gelten nicht mehr

Dieses Miteinander-Aushandeln sei auch deshalb notwendig, weil die Gesellschaft aus unterschiedlichen Interessengruppen bestehe, die jeweils eigene Zielvorstellungen für Problemlösungen hätten. „Diese Zielkonflikte müssen auch Thema in Debatten werden“, forderte der Soziologe. Gerade beim Klimaschutz gebe es deutliche politische und ökonomische Zielkonflikte. Die Notwendigkeit, Zielkonflikte zu benennen und auszuhandeln, sei dringlicher geworden, da „in den vergangenen zwei Generationen sich viele gesellschaftlich verbindende Selbstverständlichkeiten und Normierungen aufgelöst haben“. „Die Menschen können und müssen heute ihre Lebensform frei wählen“, stellte Nassehi fest. Erst jetzt werde offenbar, welche verbindenden Werte und Regeln in der Gesellschaft latent vorhanden gewesen seien und diese zusammengehalten hätten.

Lösungen müssen in den Alltag der Menschen passen

Nassehi, der auch Mitglied in der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ist, warnte vor einer möglichen Überforderung der Menschen. „Viele haben weniger Angst vor der Klimakatastrophe als davor, ihren Lebensstil ändern zu müssen“, sagte er. „Bei der Forderung nach Veränderungen müssen wir auch von der Schwäche der Menschen, ihren begrenzten Ressourcen und ihrer Trägheit ausgehen.“ Lösungen „müssen in den Alltag der Menschen passen, ihren Sitz im Leben haben, wie Theologen es oft formulieren“, fügte Nassehi hinzu. Veränderungen müssten auch attraktiv und lohnend sein, wie es beispielsweise in Fragen der städtischen Mobilität gerade in Paris oder in Skandinavien erprobt werde. Der für viele Menschen immer noch leitende kategorische Imperativ Kants müsse heute um die Frage ergänzt werden, „welche Fähigkeiten und Kapazitäten ich habe, um das Richtige zu tun“, schloss Nassehi seinen Vortrag vor den knapp 200 Teilnehmenden des Konvents.

Kirchenräume für Dialog nutzen

In seinem Bericht vor dem Generalkonvent erläuterte Landesbischof Ralf Meister den landeskirchlichen Zukunftsprozess als notwendigen Transformationsprozess angesichts einer Kirche, die mit weniger Ressourcen auskommen muss. Er warb um die Mitgestaltung in diesem Prozess und äußerte Verständnis dafür, dass manche Pastorinnen und Pastoren sowie Gemeinden diesen Prozess als "noch eine Aufgabe oben drauf“ erlebten angesichts ohnehin zunehmender Anforderungen. Meister äußerte die Sorge, dass sich angesichts der aktuellen Krisen die Spannungen in der Gesellschaft verstärken könnten. Er rief dazu auf, Kirchenräume auch für den Dialog mit Andersdenkenden zu nutzen und „einladend für alle zu sein“. 

„Gänsehautmomente“ in Kirchen

Regionalbischöfin Dr. Bahr wies in ihrem Bericht auf die vielen „Gänsehautmomente“ hin, die in Kirchen jetzt wieder erlebbar geworden seien: große Tauffeste oder Angebote wie die Vesperkirchen oder die Lange Nacht der Kirchen. Kirchen hätten zwar auch entwidmet werden müssen, andererseits seien auch gute Nachnutzungen bei Gebäudeverkäufen möglich gewesen. Als Neuerung hob sie die Einrichtung einer hauptamtlichen Beauftragten für die Arbeit mit Lektorinnen und Lektoren hervor. In ihrer Eigenschaft als Mitglied des Deutschen Ethikrates habe sie bei vielen Begegnungen festgestellt, dass „man uns als Kirche sehr viel Kompetenz zutraut“, beispielsweise bei dem Thema „In Würde sterben“.

Pastor Andreas Dreyer von der Pfarrvertretung informierte über neue Entwicklungen wie die geplante Erprobung und Anpassung des westfälischen Modells der Dienstbeschreibung für Pastorinnen und Pastoren auch in der Landeskirche Hannovers. Zukünftig sei es auch erforderlich, sich verstärkt um die wachsende Gruppe der Pfarrpersonen im Angestelltenverhältnis zu kümmern, blickte Dreyer voraus.

Der Sprengelkonvent wurde mit einem feierlichen Open-Air-Gottesdienst beendet, bei der neben der Predigt von Regionalbischöfin Dr. Bahr auch stellvertretende Superintendentinnen und Superintendenten mitwirkten. Musikalisch begleitete das Duo jazzlike mit der Sängerin Hanna Jursch und Pastor Andreas Hülsemann am Keyboard den Abendmahlsgottesdienst.             

 

Text: Sabine Dörfel