Queer-Pastor: Transidentität ist noch immer "heißes Eisen"

Nachricht Hannover, 07. September 2022

Hannover. Der Queer-Pastor der hannoverschen Landeskirche, Theodor Adam, hat sich bestürzt über die Angriffe auf transgeschlechtliche Personen in Münster und Bremen geäußert. „Je deutlicher und selbstbewusster sich queeres Leben in unserer Gesellschaft zeigt, desto mehr wird es von einigen Menschen offenbar als Provokation erlebt. So sehr, dass rohe oder gar tödliche Gewalt die Antwort ist“, sagte Adam im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

In Bremen hatten Jugendliche am vergangenen Wochenende eine Transfrau in einer Bremer Straßenbahn mit Schlägen ins Gesicht schwer verletzt. Kurz zuvor war der 25-jährige Transmann Malte C. seinen Verletzungen erlegen, nachdem er am Rande des CSD in Münster von einem 20-Jährigen angegriffen worden war.

Gerade Transgeschlechtlichkeit sei noch immer „ein heißes Eisen“, weil sie bestimmte Vorstellungen einer naturgegebenen Ordnung infrage stelle, sagte Adam. „Es mag Menschen geben, bei denen die Vorstellung tiefe Verunsicherung und sogar Hass schürt, dass das Geschlecht nicht nur äußeren Merkmalen, sondern auch einer inneren Notwendigkeit folgen kann.“

Die grundsätzliche Infragestellung binärer Geschlechtlichkeit, die durch Transgeschlechtlichkeit aufgeworfen werde, sei eine „weitaus größere Anfrage an gesellschaftliche Toleranz“ als etwa Homosexualität: „Dass Männer Männer lieben oder Frauen Frauen ist in der breiten Bevölkerung inzwischen weitgehend akzeptiert. Das Thema Transsexualität ist in weiten Kreisen hingegen noch immer mit Befremden und Berührungsängsten behaftet“.

Der Pastor am landeskirchlichen Zentrum für Seelsorge und Beratung bezeichnete den Hass auf queere Menschen als „zutiefst unchristlich“. „Wer menschliche Vielfalt ablehnt, womöglich sogar Gewalt gegen sie übt, stellt damit auch Aspekte Gottes infrage, der eben diese Vielfalt geschaffen hat“, betonte Adam.

Der evangelische Theologe unterstrich, dass ein Zustand, in dem queere Menschen dauerhaft und in allen gesellschaftlichen Sphären ohne Angst vor Diskriminierung oder Übergriffen lebten, „unbedingt erstrebenswert, aber wahrscheinlich nicht realistisch“ sei. „Themen wie Sexualität und geschlechtliche Identität lassen sich nicht einmal für alle Zeiten aushandeln. Es wird immer notwendig bleiben, dass gesellschaftliche Minderheiten selbstbewusst für ihre Rechte eintreten“, betonte er. Deshalb sei es erforderlich, dass gerade die Kirchen für menschliche Vielfalt und Toleranz offensiv Flagge zeigten.

epd Landesdienst Niedersachsen-Bremen