Pastoralpsychologischer Dienst beleuchtet die Konflikte rund um kirchliches Leitungshandeln

Nachricht Hannover, 17. September 2021

Lust und Last, geliebt und gehasst

Hannover. „Leitung geschieht im Spannungsfeld von Sach- und Aufgabenorientierung auf der einen und Beziehungs- und Personenorientierung auf der anderen Seite.“ Mit diesem Satz führte Gert Stührmann, Vorsitzender der Konferenz des Pastoralpsychologischen Dienstes in der hannoverschen Landeskirche, jetzt in ein Fachgespräch im Zentrum für Seelsorge und Beratung (ZfSB) ein. Unter der Überschrift „Leiten und Streiten in der Kirche. Lust und Last, geliebt und gehasst“ diskutierten rund 25 kirchliche Mitarbeitende mit Leitungsaufgaben auf verschiedenen Ebenen die Faktoren, die für Leitungspersonen innerhalb der Institution Kirche eine besondere Herausforderung darstellen.

Als zentrales Moment stellte Stührmann die Ambivalenz zwischen Idealvorstellungen von Kirche und der Realität kirchlicher Arbeit heraus: Die Bilder von Geschwisterlichkeit und Gleichheit, vom Umgang auf Augenhöhe, auch von der (Heiligen) Familie stießen in der kirchlichen Arbeit vielfach auf eine ganz andersartige, begrenzte und konflikthafte Realität: „Um diese Widersprüche bei sich und anderen aushalten zu können, braucht es Ambivalenztoleranz.“

Der Ort „Zwischen“ stelle eine besondere Herausforderung an das Leiten in der Institution Kirche dar, betont auch der aktuelle Jahresbericht des Pastoralpsychologischen Dienstes. Auch er steht unter dem Titel „Leiten und Streiten in der Kirche“. Kirchliche Arbeit geschehe zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen, zwischen Gottesreich und Arbeitsplatzsicherung, zwischen der Ordnung einer Organisation und der Freiheit eines Christenmenschen, zwischen Konkurrenzdenken und dem Idealbild vom einen Körper mit dem Haupt Christi. Um in diesem Zwischen erfolgreich zu leiten, brauche es viel Disziplin und große Rollenklarheit, betonte Stührmann im Fachgespräch – die Rolle der Leitung müsse klar abgegrenzt werden gegenüber der Rolle der oder des Seelsorgenden. In vielen Supervisionsgesprächen mit Pastor*innen werde fehlende Klarheit an dieser Stelle als Auslöser und auch Folge von Konflikten deutlich, stellte Uwe Hobuß vom Pastoralpsychologischen Dienst im Sprengel Hildesheim-Göttingen im Fachgespräch fest: „Die Rolle der Leitung ist häufig sehr konfliktbelastet; da erscheint die Seelsorge als ein Ausweg.“

Als weitere Faktoren für gelingende Leitung benennt der Bericht die immer wieder notwendige Verständigung auf die primäre Aufgabe im jeweils konkreten kirchlichen Handlungsfeld sowie das Gestalten von Führung und Gefolgschaft als Kooperation. „Es braucht die gegenseitige Anerkennung in diesen Rollen“, so Stührmann.

„Der Bericht zum Führen und Leiten in der Kirche öffnete mir die Augen für die Ursachen einiger Konflikte, die ich als Pastorin in der Gemeinde hatte“, stellte eine Teilnehmerin in einer der Arbeitsgruppen während des Fachgespräches fest. „Der Bericht ist fantastisch – er erklärt, warum unser Idealbild von der Heiligen Familie in der kirchlichen Arbeit so viele Konflikte auslöst“, stimmte ein Teilnehmer zu.

Ausgelotet wurde in einer der Arbeitsgruppen auch das Verhältnis von Ermöglichungsräumen und notwendigen Grenzen: Beide seien notwendig, um die Zufriedenheit der Mitarbeitenden zu erhalten ohne die Aufgabenorientierung aus dem Blick zu verlieren. Schneller als in anderen Organisationen gerate die Aufgabenorientierung in kirchlichen Zusammenhängen aus dem Blick, werde von einer besonderen Erwartungshaltung gegenüber der „ewigen“ Kirche („Ihr seid doch Kirche!“) an den Rand gedrängt.

Rollenklarheit müsse jedoch nicht nur von jeder einzelnen Leitungsperson verlangt werden, sondern auch von kirchlichen Leitungsgremien – auch diese Forderung wurde im Rahmen des Fachgespräches betont. „Was wollen wir sein: Heilige Familie oder Aufsichtsrat?“, lautete die zugespitzte Formulierung, der sich jeder Kirchenvorstand stellen müsse. Dennoch: „Auch Leitungshandeln muss eine christliche Grundhaltung ausstrahlen“, formulierte eine Teilnehmerin. „Unser Herkommen und unsere Ressourcen dürfen wir nicht verleugnen.“

Als Anstoß für ein Leitbild zu gelingender Führung und Gefolgschaft in der Organisation Kirche betrachtet der Pastoralpsychologische Dienst den Tango Argentino – ein vielleicht verwirrendes oder sogar irritierendes Bild, wie Gert Stührmann zugestand. Dennoch: Diese Form des Tanzes mit ihren klar verteilten, aber auch wechselnden Rollen, dem einfühlsamen Führen und dem aktiven Folgen, dem aufeinander angewiesen Sein und der Freude am gemeinsamen Tun könne nicht eins zu eins übertragen werden, sei als Symbol aber ausgesprochen inspirierend für das Nachdenken über Leitung in der Kirche, so der Bericht des Pastoralpsychologischen Dienstes.

Öffentlichkeitsarbeit im Zentrum für Seelsorge und Beratung