Interview zu Genderfragen im Religionsunterricht mit Kirsten Rabe

Nachricht 14. Januar 2021

Die Wahrnehmung sexueller Vielfalt ist seit einigen Jahren in den Curricula und Lehrplänen aller Fächer festgeschrieben. Das bedeutet allerdings noch nicht, dass das Thema auch in den konkreten Unterricht oder sogar in das Schulleben Einzug hält. Die Tagung „Keine Angst vorm Regenbogen“ des Religionspädagogischen Instituts Loccum (RPI) im Mai 2021 bietet hierfür Ideen und Material an. Im Interview macht sich die RPI-Dozentin Kirsten Rabe für eine konsequente Schüler*innen-Perspektive stark.

Kirsten Rabe_RPI Loccum_(c) Privat
Kirsten Rabe. Foto: Privat

„Schwul“ gilt auf dem Schulhof nach wie vor als Schimpfwort. Was lässt sich dagegen tun?

Ich vermute, ein Großteil der Kinder und Jugendlichen, die diesen Begriff als Schimpfwort benutzen, denkt überhaupt nicht weiter darüber nach. Das macht die Sache nicht besser. Ich halte es für falsch, wegzuhören oder das als typisch für Heranwachsende abzutun. Schüler*innen machen selbst häufig die Erfahrung, wie verletzend Sprache sein kann. Sie leiden unter fiesen Kommentaren in sozialen Netzwerken und haben ein deutliches Gespür dafür, wenn andere schlecht über sie reden. Wenn „schwul“ auf dem Schulhof als Schimpfwort fällt, hilft nur eins: konstruktive Gesprächsanlässe anzubieten, die Raum geben, über Sprache und Diskriminierung nachzudenken. Und bitte nicht im Sinne von „Die armen Schwulen“!

Und wenn jemand das Schimpfwort doch sehr bewusst einsetzt?

Dann würde ich tatsächlich deutlicher reagieren. Beliebt ist diese Zuschreibung ja immer dann, wenn Jungen angeblich den für sie typischen Rollenerwartungen nicht entsprechen. Da kann eine solche Zuordnung schon mal dazu führen, dass ein Junge nicht mehr zum Reitunterricht möchte oder doch lieber Schlagzeug statt Geige spielen lernen möchte. Hier wird deutlich, dass das Problem viel weiter reicht. Wenn wir Jugendliche auch in ihrer sexuellen Identität wahr- und ernstnehmen wollen, wenn wir eine Gesellschaft wollen, in der Diversität als Bereicherung gesehen wird und in der die Würde des Menschen oberste Priorität hat – dann müssen wir auf dem Schulhof „klare Kante“ zeigen.

Die sexuelle Orientierung ist eine sehr intime Sache, über die die meisten nicht gern sprechen. Wie kann man das im Unterricht thematisieren, ohne dass es peinlich wird?

Das geht gut über fremde biografische Beispiele. Inzwischen ist es für Kolleg*innen relativ leicht, an adäquates Unterrichtsmaterial zu gelangen: über entsprechende Seiten, Kanäle und Foren im Internet, über Schulbücher, Zeitschriften und Zeitungen, über Filme und deren didaktisches Zusatzmaterial. Wenn Schüler*innen Menschen kennen lernen, die selbst mit ihrer sexuellen Identität gerungen haben, die von ihrem Outing erzählen, von Diskriminierung wie von guten Erfahrungen, dann fällt es leichter, sich persönlich zu verorten. Empfehlenswert ist außerdem das Angebot von Beratungsstellen wie SCHLAU Niedersachsen. Die bieten Workshops in Schulen an. Da begegnen die Schüler*innen dann „echten“ Menschen, die von ihrer persönlichen sexuellen Identität erzählen, brennende Schüler*innenfragen beantworten und deutlich machen, dass hier gar nichts peinlich sein muss.

Sobald sexuelle Vielfalt Thema in der Schule wird, stehen auch bald die ersten aufgeregten Eltern auf der Matte. Wie sollten Lehrer*innen darauf reagieren?

Das ist tatsächlich eine schwierige Situation. Ganz grundsätzlich hoffe ich: Eltern trauen Lehrer*innen zu, dass das, was in der Schule Tag für Tag geschieht, im Sinne der Kinder passiert. Sexuelle Vielfalt da auszublenden, wäre völlig falsch. Die Kinder leben nicht in einer Blase. Und das Thema ist auch nicht gefährlich, wie so gern behauptet wird. Niemand wird lesbisch, weil in der Schule darüber gesprochen wird. Aber vielleicht wird jemand mutig, endlich zu sich selbst zu stehen.

Was ist mit Eltern, die dezidiert biblisch argumentieren?

Das kommt vor. Religionslehrer*innen sind besonders stark der Kritik von Eltern ausgesetzt, die aus einem sehr konservativen bis fundamentalistisch orientierten Elternhaus kommen. Und zwar religions- und konfessionsübergreifend. Es ist überhaupt nicht zielführend, sich mit Eltern auf ein Hin- und Herwerfen einzelner Bibel- oder Koranstellen einzulassen. Ich kann den Kolleg*innen nur Mut machen, freundlich, aber bestimmt die eigene Sache und die der Kinder und Jugendlichen zu vertreten. Das darf man nämlich nicht vergessen: Genau die werden unter Umständen sehr dankbar sein für diese neuen Perspektiven auf ihre Identität.

Gerade die Kirchen gelten nicht unbedingt als Vorreiterinnen in Sachen sexuelle Vielfalt. Sind Religionslehrer*innen und Schulpastor*innen hier glaubwürdig?

Die Kirchen, auch die einzelnen Landeskirchen, gehen sehr unterschiedlich mit sexueller Vielfalt um. In der hannoverschen Landeskirche hat sich in den letzten Jahren viel bewegt, das ist klasse. Und darauf kann man auch ein bisschen stolz sein, finde ich. Insofern haben Religionslehrer*innen und Schulpastor*innen auf jeden Fall diese Aufgabe: in der Schule und in ihrem pädagogischen Wirken auch mit veralteten Bildern aufzuräumen. Schüler*innen dürfen gern wissen, dass in den meisten evangelischen Kirchen inzwischen auch zwei Männer oder zwei Frauen vor den Traualtar treten dürfen. Und sie dürfen auch wissen, dass es in der evangelischen Kirche Gemeinden gibt, in denen transsexuelle Menschen ihre Transition, also den Prozess der Angleichung ihres Geschlechts, unter dem Segen Gottes feiern dürfen.

Die Fragen stellte Dr. Michaela Veit-Engelmann, am RPI Loccum zuständig für Öffentlichkeitsarbeit.