Vom Rad in die Kirche - Einfach mal innehalten: In Deutschland gibt es rund 350 Radwegekirchen

Nachricht 06. August 2020

Eine alte Klosterkirche, eine Kirche im Schafstall, ein Dom: Radwanderer können auf ihren Touren in vielen schönen Kirchen Halt machen und zur Ruhe kommen.

Marburg/Verden. "Nur noch 5 Minuten bis zur Nikolaikirche und ins 'Paradies'", begrüßt das Schild unten in Caldern den Radfahrer. Dann schlängelt sich die Straße hoch durch das hessische Dorf, vorbei an Fachwerkhäusern und alten Höfen, bis zur Kirche. Oben wird der Radler belohnt: mit einer wunderschönen Klosterkirche und einem herrlichen Blick ins Lahntal.

Die evangelische Nikolaikirche in Caldern nördlich von Marburg ist eine Radwegekirche. Sie liegt direkt am Lahntal-Radweg und ist von Ostern bis zum Reformationstag am 31. Oktober täglich geöffnet. Sie sei "sehr, sehr gut besucht", erzählt die Küsterin, die gerade mit einem Staubwedel durch die Kirche geht.

Etwa 350 Radwegekirchen gibt es in Deutschland. Dazu gehören zum Beispiel die Schafstallkirche St. Martin Munster am Lüneburger-Heide-Radweg - ein echter Schafstall in der Heide, gelegen inmitten von Wacholder und Wildblumen. Oder die St. Jakobs-Kirche in Rothenburg ob der Tauber am Taubertal-Radweg, mit dem Heilig-Blut-Altar von Tilman Riemenschneider.

Der Dom zu Verden am Aller-Radweg ist eine Radwegekirche, und auch die St.-Johannis-Kirche in Kühlungsborn am Ostseeküstenradweg, eine Feldsteinkirche aus dem Jahr 1220. Die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Wenzenbach in der Oberpfalz liegt am Falkenstein-Radweg und wurde 2016 fast nur mit regionalen Materialien neu gebaut.

Die Nikolaikirche im hessischen Caldern, 1235 erstmals erwähnt, gehörte zum Zisterzienserinnenkloster Caldern. "Wir bieten eine Kirche, in der es ganz viel zu gucken gibt", sagt Pfarrer Ralf Ruckert: zeitgenössische Kunst, Grabsteine aus dem Dreißigjährigen Krieg, besondere Glasfenster. "Danke, dass ich diese Kirche bewundern darf (auch von innen)", hat jemand in das Fürbitten-Buch geschrieben und einen Smiley dazu gemalt.

Radwegekirchen gibt es seit rund 20 Jahren. Die erste war die Johanniskirche in Reinhardsbrunn in der Nähe des Radwegs "Thüringer Städtekette". Man habe dort frühzeitig erkannt, "dass viele Menschen im Urlaub und in der Freizeit Orte des Innehaltens suchen", sagt Georg Hofmeister, Leiter der Akademie des Versicherers im Raum der Kirchen in Kassel. Die Akademie unterstützt die Radwegekirchen und hilft unter anderem dabei, das Netz auszubauen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland entwickelte einheitliche Standards und verleiht seit 2009 ein Signet, das aus einem Radfahrer und einer Kirche auf einem grünen Grund besteht. Es zeigt dem Vorbeikommenden an, dass es sich um eine verlässlich geöffnete Kirche handelt. Die Orte sollen gastfreundlich sein, manchmal gibt es neben geistlichen Impulsen auch Trinkwasser, eine Toilette, Ladestationen für E-Bikes und Flickzeug. 

Bereits im Mittelalter dienten Kapellen und Kreuze am Wegesrand den Wanderern als Orte des Gebets und der Besinnung, erklärt Georg Hofmeister. "Sie erinnerten die Menschen daran, sich auch auf Reisen immer wieder auf Gott zu besinnen. Dasselbe tun die Kirchen am Wege, wie die Radewegekirchen, auch heute."

In der Nikolaikirche in Caldern dürfen die Besucher eine Kerze anzünden, am Eingang steht eine Box, aus der sie ein Bibelwort ziehen können. "Manchmal übt gerade der Organist, wenn sich Besuchergruppen in der Kirche aufhalten, und es kommt vor, dass er sich anschließend mit ihnen unterhält", erzählt Pfarrer Ruckert.

Radurlaub ist beliebt. 5,5 Millionen Radreisende fuhren nach Angaben des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC 2018 durch Deutschland. Ein Grund für den Boom sind E-Bikes, die Touren leichter machen. An einem etwas windigen Sonne-Wolken-Tag sind auf dem Lahntal-Radweg etliche Familien mit Kindern unterwegs, Ehepaare mit Hundeanhänger, ein junges Pärchen: sie mit E-Bike, er mit dem Rennrad.  

Am Lahntal-Radweg zwischen der Lahnquelle und ihrer Mündung in den Rhein in Lahnstein liegen insgesamt zwei Radwege-Kirchen, 38 sind es am Elberadweg. Es müsste noch viel mehr Radwegekirchen geben, sagt der Tourismus-Beauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Thomas Roßmerkel. "Der Radfahrer braucht einen Punkt, an dem er mal durchschnaufen kann", und davon gebe es gar nicht so viele: Eine Burgbesichtigung zum Beispiel dauert lange und kostet gleich wieder Eintritt. Die Kirchen, und zwar insgesamt die offenen Kirchen, erfüllten für die Gesellschaft eine wichtige Aufgabe: "Sie sind ein Raum, wo man mal nichts zahlen und nichts leisten muss, wo man nicht bequatscht wird - wo man all dem Druck mal entkommt."

"Das müssen Sie sich unbedingt anschauen", wirbt die Küsterin in Caldern noch und zeigt auf ein eisernes Törchen neben der Nikolaikirche. Der Weg unter der Efeu-bewachsenen Mauer hindurch führt in den Klausurbereich des früheren Klosters, der einst den Ordensangehörigen als Ort des Rückzugs und der Besinnung diente. Vom Hang hinunter geht der Blick ins weite grüne Lahntal, ab und zu fährt die Eisenbahn vorbei. In Caldern trägt der Garten den Namen "Paradies". 

epd Landesdienst Niedersachsen-Bremen