Weltbienentag: In den Städten nimmt die Zahl der Hobby-Imker zu

Nachricht 20. Mai 2020

Mit dem Imkern als Hobby wollen immer mehr Menschen etwas gegen das Insektensterben tun. Dabei geht es der Honigbiene gut. Allein durch Niedersachsen schwirren sommers bis zu fünf Milliarden der Nutztiere. Gefährdet sind dagegen die Wildbienen.

Hannover/Celle. Mit dem Stockmeißel als ihr wichtigstes Imker-Werkzeug schiebt Astrid Zühl die Rähmchen mit den Waben ihrer Bienen langsam hin und her. In der anderen Hand hält sie eine Art Metallkanne, aus der Rauch herauskommt, den sogenannten Smoker. Vor der Arbeit am Volk gibt Zühl damit den Rauch aus einer Kräutermischung in die Wabengassen. Er sorgt dafür, dass die Insekten ruhig in und auf der Wabe verharren und die Imkerin sie ungestört inspizieren kann. "Hier ist ein fast voller Honigraum", sagt sie unter dem hellen Imker-Schleier, der ihr Gesicht bedeckt. Angesichts des schönen Wetters der vergangenen Wochen und der zahlreich blühenden Kastanienbäume in Hannovers Südstadt waren die Bienen des evangelischen Landesbischofs bereits produktiv. Seit rund drei Jahren betreut die Kauffrau und Hobby-Imkerin die zwei Bienenvölker im Garten der bischöflichen Kanzlei. Jetzt kontrolliert sie, wie jede Woche, ihre Bienen.

Zühl gehört zu den vielen Hobby-Imkern in Niedersachsen. Deren Zahl ist seit 2007 um fast 70 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr gab es nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums 13.792 organisierte Imker mit 93.353 Bienenvölkern. Rechnet man pro Volk mit rund 50.000 Bienen, schwirren allein durch Niedersachsen um die fünf Milliarden der Nutztiere - so viele sind es zumindest im Sommer, wenn die Insekten reiche Ernte sammeln können.

Bundesweit halten 130.000 Imker rund 870.000 Bienenvölker - nur etwa 500 von ihnen sind Berufsimker. Damit liegt die Imkerei fast ausschließlich in der Hand der Hobby-Imker: Dasselbe gilt dem Ministerium zufolge auch für Niedersachsen. Die meisten Imker leben hier an den Stadträndern von Hannover, Oldenburg, Osnabrück und Lüneburg.

In den Städten finden Bienen mehr Nahrung als auf dem Land. Nektar und Pollen seien in den Gärten, Parks oder Friedhöfen mit ihren zahlreichen Bäumen und Hecken besser und vor allem fast immer zu bekommen, erläutert der Leiter des Instituts für Bienenkunde in Celle, Werner von der Ohe. Hingegen werde auf dem Land die meiste Fläche landwirtschaftlich genutzt, was notwendig sei, aber zu weniger Pflanzenvielfalt führe. Astrid Zühl drückt sich drastischer aus: "Auf dem Land ist es inzwischen ziemlich gruselig." Außer Rapsfeldern gebe es für die Bienen fast keine andere Nahrung mehr. Nachdem sie den Rapshonig geerntet hätten, müssten Land-Imker deshalb ihren Bienen schon das Futter für den Winter geben. Diesbezüglich hätten Stadt-Imker mehr Glück: "Bei uns blüht zu dieser Zeit noch die Linde."

Die Pestizide, mit denen Pflanzen in der Landwirtschaft bespritzt werden, kämen zum Teil auch in den Honig, kritisiert sie. Zühl ist selbst auf dem Land aufgewachsen. "Meine Großmutter pflückte Kamille am Wegesrand, daraus haben wir im Winter unseren Tee gekocht", erinnert sich die 57-Jährige. "Das wäre heute undenkbar." Um ihren Honig möglichst ökologisch herzustellen, nimmt Zühl für die neuen Mittelwände immer das von den eigenen Bienen stammende Wachs. Rückstandsfreies Wachs gebe es inzwischen so gut wie gar nicht mehr zu kaufen.

Pro Zarge, wie die Bienenkästen im Fachjargon heißen, können der Imkerin zufolge zwischen 15 und 20 Kilogramm Honig geerntet werden. Dahinter steht viel Arbeit: "Anfänger können sich das oft nicht vorstellen."  Denn es geht nicht nur darum, im Frühjahr und Sommer nach den Bienen zu schauen und das Bienenvolk zu "lenken" - also beispielsweise rechtzeitig zu verhindern, dass es ausschwärmt, wenn es zu groß geworden ist - oder den Honig zu ernten, in Gläser abzufüllen und zu verkaufen. Im Herbst und Winter bereiten sich die Imker auf das kommende Jahr vor. Das heißt, sie behandeln die Bienenvölker gegen die Varroa-Milbe - den gefährlichsten Feind der Honigbiene -, schmelzen die alten Waben ein, reinigen die Rähmchen, schleifen die Holzkisten oder reparieren sie.

Warum aber so viele Menschen in ihrer Freizeit bereit sind, derlei Aufwand auf sich zu nehmen, erklärt sich Institutsleiter von der Ohe dadurch, dass die meisten einen tieferen Sinn darin erkennen. "Sie wollen mit der Imkerei etwas Gutes für die Natur und die Umwelt tun."

Jan Dohren, Mitinitiator der Initiative "Hannover summt!", begrüßt dieses wachsende Umweltbewusstsein - vor allem für die Wildbienen. Denn anders als die Honigbiene sind 62 Prozent aller Wildbienen-Arten mittlerweile vom Aussterben bedroht. Von insgesamt 550 Arten leben in Niedersachsen mehr als 350. Entsprechend unterstützt Dohrens Verein ein vor kurzem ins Leben gerufene Volksbegehren zu Artenvielfalt. Dessen Initiatoren fordern gesetzliche Regelungen für mehr Artenschutz, denn "die Vielfalt kann nicht im Vorgarten gerettet werden", betont Dohren.

Astrid Zühl freut sich über das gesteigerte Interesse an Honigbienen. "Die Biene steht für das Insektensterben, so wie der Eisbär für den Klimawandel steht", sagt die Imkerin. Dabei unterscheiden nur wenige Menschen zwischen Honigbienen und Wildbienen. Während die Honigbienen ausschließlich in Bienenstöcken leben, sind Wildbienen überwiegend Einsiedler, die sich natürliche Nistplätze suchen - etwa in Erd- oder Baumhöhlen. Mit dem Rückgang dieser naturgegebenen Lebensräume schwindet für die Wildbienen auch die Nahrungsgrundlage. "Um dies zu verhindern, müssten mehr Blühflächen her", erläutert Wissenschaftler von der Ohe. Eigens gestaltete Randstreifen entlang von Äckern, Straßen oder Waldungen gäben Wildbienen wieder eine Chance, zu siedeln.

Den Honigbienen gehe es dank den Imkern dagegen prächtig, meint Zühl. "Aber wenn Menschen sich erst mit ihnen beschäftigen, entdecken sie früher oder später auch die Wildbienen und die Zusammenhänge der Natur."

epd Landesdienst Niedersachsen-Bremen