"Versuchen, irgendwie klarzukommen", berichtet eine Religionslehrerin im Homeoffice

08. Mai 2020

Lehrerin Hanna Wagner trifft nicht nur die Herausforderung „Homeoffice“, sondern auch die Frage der Kinderbetreuung. Ihr Sohn ist sechs Jahre alt und wird im Sommer eingeschult – so lange wird er vielleicht noch um die Mama herumtoben, die den Unterricht von zu Hause aus vorbereiten muss. Zwar klingelt der Wecker bei Hanna Wagner wie immer um 6.30 Uhr. Doch statt in die Schule zu fahren, setzt sie sich an Laptop und Unterlagen am Arbeitszimmer. Während ihr Sohn noch schläft, versucht sie, die ruhigen Morgenstunden zu nutzen, um Aufgaben zu erstellen und zu verschicken. Etwa 200 Schüler*innen hat sie derzeit in den Klassenstufen 5, 8 und 11.  

Doch auch, wenn sie voraussichtlich Ende Mai in die Schule zurückkehren werden, dort auf abgeklebten Wegen mit Mund-Nasen-Schutz laufen und in halber Klassenstärke Unterricht bekommen werden, weiß Hanna Wagner noch nicht, wann sie selbst dort wieder vor einer Klasse stehen wird. Die Stundenpläne werden reduziert, vor allem die Hauptfächer sind im Präsensunterricht dran. „Gerade erst wird mir klar, dass ich vielleicht erst nach den Sommerferien zurückkommen werde“, sagt Hanna Wagner, „das wäre schon traurig – ich hoffe sehr, dass es anders kommt.“

Ihre Schüler*innen bekommen solange Aufgaben von ihr per Mail. Gerade geht es in einer ihrer achten Klassen um das Thema Menschenrechte und Menschenwürde. „Die Schülerinnen und Schüler sollten sich zunächst mal über ihre eigenen Bedürfnisse klar werden“, erzählt Wagner. „Jetzt zu Hause ist die Aufgabe, sich vorzustellen, welche acht Sachen man auf eine einsame Insel mitnehmen würde, auf der man ein Jahr verbringen muss“, erklärt die Schulpastorin. „Das kann eine Collage mit Fotos oder anderen Dingen werden - die Schüler können jetzt zu Hause frei basteln, wie sie mögen.“

Diese Freiheit, auch mit Fotos und Videos zu experimentieren, sei ein Vorteil des „Homeschoolings“. „Man kann jetzt kreativer werden und manch ein stillerer Schüler ist in der Einzelarbeit zu Hause aufgeblüht. Wir Lehrer können auch gezielter Feedback zu einzelnen Aufgaben geben - wann ist das im Unterricht sonst so detailliert möglich?“ Dafür fehlen natürlich die Diskussionen im Klassenverband.

Ein anderer Nachteil: „Viele erledigen ihre Aufgaben brav und gewissenhaft, aber bei manchen kommt auch so gar keine Rückmeldung. Da weiß man manchmal wirklich kaum, wie es ihnen geht“, sagt Wagner bedrückt. Die jeweiligen Klassenlehrer sind zwar sehr bemüht, den Kontakt auf allen möglichen Wegen zu halten, aber das klappe nicht immer. „Wer vorher mit der Schule überfordert war, ist es jetzt noch mehr.“

Ihre Schüler waren Mitte März mit dem fröhlichen Gefühl überraschender Ferien auseinandergegangen, „sie schienen sorglos und unbeschwert“, sagt Wagner. Mittlerweile schreiben ihr viele, dass sie die Schule, das gemeinsame Lernen und natürlich ihre Freunde vermissen. „Und ich wäre auch froh, wieder persönlichen Kontakt zu haben. Man kann so kreativ sein, wie man möchte, aber diese Situation ermüdet zunehmend und ist kein Ersatz für Unterricht.“

Christine Warnecke

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