Kirchen und Ärztekammer fordern Ethikgremium in der Corona-Krise

Nachricht 30. April 2020
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Eine Frau hilft einer 93-jährigen beim Aufstehen und Ankleiden (Symbolfoto). Bild: Jörn Neumann/epd-bild

Hannover. Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche und der Ärztekammer in Niedersachsen werben für ein Ethikgremium, das die Landesregierung bei Entscheidungen in der Corona-Krise begleiten soll. Ausdrücklich liege ihnen dabei die Situation von besonders schutzbedürftigen Menschen etwa in den Alten- und Pflegeheimen am Herzen, sagte Landesbischof Ralf Meister am Mittwoch in Hannover. Es sei notwendig, sie vor einer Infektion zu bewahren, gleichzeitig müssten auch soziale Kontakte für sie wieder möglich werden.

Meister warnte davor, mehr Freiheiten für andere mit der Ausgrenzung von Risikogruppen zu erkaufen. Um Seelsorge und Begegnungen mit Angehörigen zu ermöglichen, brauche es "mehr Mut, mehr Initiative, mehr Ideen". Der Landesbischof hat die Initiative gemeinsam mit dem Osnabrücker katholischen Bischof Franz-Josef Bode, Ärztekammerpräsidentin Martina Wenker und der Landtagsabgeordneten und Medizinerin Thela Wernstedt (SPD) gestartet. Auch bei Entscheidungen etwa darüber, ob Geschäfte oder Hotels geöffnet werden dürften, gehe es um Fragen der Gerechtigkeit, sagte er.

Wenker warnte vor einer pauschalen Kategorisierung von Menschen in Risiko-Gruppen. "Jeder Patient hat das Recht auf eine individuelle ärztliche Behandlung unter Beachtung seines Selbstbestimmungsrechtes", sagte sie. Mit Blick auf Pflegeheime werbe die Ärztekammer für eine massive Ausweitung von Corona-Tests bei Bewohnern und Mitarbeitern, damit dort Menschen nicht in ihren Zimmern eingesperrt werden müssten. Der Forderung, Menschen im Alter von über 60 Jahren mit Vorerkrankungen unter häusliche Quarantäne zu stellen, sei eine klare Absage zu erteilen.

Bischof Bode sagte, es sei zu erwarten, dass nach der Bewältigung der akuten pandemischen Krise die psychosoziale, spirituelle und medizinische Versorgung von Schutzbedürftigen vor neuen und langanhaltenden Herausforderungen stehe. Dabei gehe es nicht allein um den Schutz des Lebens, sondern auch um den Schutz der Würde.

Wernstedt kündigte Gespräche der Initiative mit der Landesregierung an. Ziel sei es, ein Expertengremium ähnlich dem deutschen Ethikrat zu schaffen, dem neben Vertretern der Kirchen und der Ärzteschaft unter anderen Mitglieder aus der Pflegekammer, von Wohlfahrtsverbänden oder Wissenschaftler angehören könnten.

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen