Ein Telefonat zu Corona mit... Lars Wißmann, Krankenhausseelsorger und -koordinator

Nachricht 21. April 2020

Lars Wißmann ist Pastor, Seelsorger an der MHH und Beauftragter für die Krankenhausseelsorge der Landeskirche Hannovers. Er empfindet das Arbeiten in der Corona-Pandemie als skurril.

Herr Wißmann, Sie sind Krankenhaus-Seelsorger, arbeiten also dort, wo definitiv Corona-Fälle auftreten. Gibt es überhaupt noch Situationen, in denen Sie keine Maske tragen?

„Ja, auf jeden Fall. Wenn wir uns zum Beispiel auf den Fluren bewegen oder ins Büro gehen, dann brauchen wir keine Maske. Wir achten aber natürlich auf den gebotenen Abstand – in den breiten Krankenhaus-Gängen ist das kein Problem.“

Man hört jetzt von Engpässen bei den Masken, sogar von Diebstählen. Es gibt eine Fülle von Bezeichnungen und Wirkungsgraden. Welche sind für Sie relevant?

„Die erste Stufe sind die Mund-Nasen-Schutze, kurz MNS. Die sind Pflicht auf den Stationen und in Ambulanzen – überall dort also, wo der Sicherheitsabstand nicht gewahrt werden kann. Dazu zählen auch die aus Stoff genähten Masken, die man selbst herstellen kann und die man aus Asien auch schon vor Corona kannte. Die sind nicht zertifiziert, können aber ein grober Schutz sein – vor allem, selbst nicht andere anzustecken.“

Was hat es mit den FFP-Masken auf sich?

„FFP steht für „filtering-face-piece“ – also soviel wie Gesichts-Filter-Stücke. Das sind die Masken, die bei intensiverem körperlichem Kontakt gebraucht werden. Die haben wiederum verschiedene Filter-Grade, von 1 bis 3. Man sollte wenigstens FFP 2 tragen, wenn man zum Beispiel Blut abnimmt, bei der Körperpflege oder anderen Tätigkeiten, bei denen man mit Körperflüssigkeiten zu tun hat. Dazu gehören dann auch Augenmasken. FFP3 wird dann bei besonders intensivem Kontakt genutzt, bei Operationen oder auch auf der Intensivstation.

Die FFP-Masken sind auch recht teuer, sie kosten nicht einige Cent, sondern in „normalen Zeiten“ schon 1,50 Euro pro Stück, aktuell eher mehr. Hier in Norddeutschland sind auch die meines Wissens noch zu bekommen, in Süddeutschland ist die Lage schon knapper, da liegen sie nicht mehr auf Halde.“

Manche Autozulieferer oder Kleidungshersteller haben ihre Produktion umgerüstet und produzieren nun Masken. Ist das aus Ihrer Sicht hilfreich?

„Auf jeden Fall. Für den Alltagsgebrauch reichen wie gesagt auch selbstgenähte Mund-Nasen-Schutze – niemand muss in den Baumarkt gehen und dort teure Masken kaufen. Das ist nach allem, was ich weiß, nicht sinnvoll.“

Ist es sinnvoll, sich solche Masken selbst anzufertigen?

„Ja, auf jeden Fall, denn es gibt lokale Engpässe. Die vorhandenen Masken sollten denen zur Verfügung stehen, die sie wirklich brauchen, Pflegepersonal, Ärzt*innen, und so weiter. Weil die Masken knapp werden, werden sie teils unter Verschluss gehalten. Sie liegen also zum Beispiel auf der onkologischen Station nicht mehr frei aus, wie es sonst der Fall ist. Eigentlich sollen diese Masken nur einmal verwendet werden, aber manche legen sie in den Backofen und töten die Viren bei 80 Grad mit Hitze ab. Andere Leute schreiben ihren Namen hinein, um sie noch einmal zu benutzen.“

Spüren Sie eine Veränderung in Ihrer Arbeit?

„Ja, es ist ein skurriles Arbeiten derzeit. Es liegt mehr Misstrauen in der Luft – das ist gar nicht persönlich gemeint, sondern durch die Situation bedingt. Allein die Zweifel: ,Habe ich vielleicht Corona und stecke jemanden an? Oder hat mein Gegenüber es vielleicht?‘, oder: ,Falle ich dem Gesundheitssystem und der Familie jetzt zur Last?‘ – das sorgt für zu Verunsicherung. Ärzt*innen, Pfleger*innen und Seelsorger*innen genießen normalerweise das Vertrauen, das sie zum Helfen da sind. Das ist jetzt allein durch die Maske ein Stück weit erschüttert. Viele Kolleg*innen nehmen deshalb beim Eintreten in ein Zimmer kurz die Maske ab, sagen mit einem ausdrücklichen Lächeln Hallo und setzen sie dann wieder auf, bevor sie ans Krankenbett treten. Das macht viel aus. Ebenso in den Pausen: Es ist eine Freude, zum Beispiel in der Mensa den Mundschutz abnehmen und sich frei anlächeln und unterhalten zu können.“

Christine Warnecke

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Ein altes Telefon (Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay)
Ein altes Telefon (Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay)

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