Ein Telefonat zu Corona mit... Jörg Schulze, Pastor auf der Insel Borkum

Nachricht 03. April 2020
Jörg Schulze ist Pastor auf Borkum.

Hallo Herr Schulze, wie sieht es bei Ihnen auf Borkum aus?

„Geradezu gespenstisch. Der Strand, die Straßen – alles ist leergefegt. Das Leben ist wie eingefroren. Alle Touristen sind weg, dabei leben im Grunde alle Insulaner vom Tourismus. Man sieht jetzt nur noch bekannte Gesichter - das ist nett, aber irgendwie auch merkwürdig. Die Fähren haben den Betrieb deutlich reduziert. Sonntags fahren sie gar nicht mehr – das haben wir sonst nur bei Sturmfluten, dass man gar nicht von der Insel herunterkommt. Das finden viele beklemmend.“

Die Insel ist auf den Tourismus angewiesen – wie ist die Stimmung unter den Insulanern?

„Freundlich, aber gedrückt. Viele, die Zimmer vermieten oder Restaurants haben, haben über den Winter renoviert, neue Möbel angeschafft und so weiter und nun zu Ostern das erste Geschäft des Jahres erwartet. Jetzt ist oftmals Kurzarbeit beantragt und ob diese ganzen Ausfälle irgendwie aufgefangen werden können, ist ungewiss.“

Auch Sie haben normalerweise viele Touristen im Gottesdienst. Die sind nun weg und die Kirche ist zu. Wie ist das für Sie?

„Ich bin seit neun Jahren hier und es heißt oft: Auf Borkum ist alles anders. Das stimmt – und jetzt ist nochmal alles anders – einfach surreal. Wenn ich hier aus dem Fenster auf das Nordseehotel gucke, laufen normalerweise Dutzende, ja Hunderte Menschen vorbei, oft muss ich das Fenster schließen, wenn die Kinder um die Tischtennisplatte toben. Seit wir telefonieren, kam jetzt aber nicht ein einziger Mensch vorbei.“

Wegen der Corona-Kontaktbeschränkungen: Borkum ohne Touristen. Bild: Jörg Schulze

Pastor sein bedeutet eigentlich, sozial zu sein; der Beruf lebt von den Kontakten mit den Menschen. Wie arbeiten Sie jetzt?

„Es tun sich einige Fragen auf: wie unterrichten wir jetzt die Konfirmanden? Streamen wir den Ostern-Gottesdienst? Und schon jetzt schicken wir, meine Kollegen von den Freikirchen und der katholischen Kirche, Briefe an diejenigen, die sonst wohl in den Sonntagsgottesdienst gekommen wären. Ich bin auch ausdrücklich für jeden am Telefon zu erreichen – die Nachfrage danach wird denke ich noch zunehmen, wenn diese Ausnahmesituation anhält. Kurz: wir sind ja durch verschiedene Medien miteinander verbunden und rücken virtuell zusammen. Das zeigen auch die vielen Mails von Urlauberpastor*innen, -kantor*innen und Stammgästen, die sich der Gemeinde verbunden fühlen und nachfragen, wie es uns auf der Insel geht.“

Können Sie dem Ganzen auch etwas Positives abgewinnen?

„Ja! Denn es ist sehr ungewöhnlich, dass die Borkumer die Bänke in der Sonne für sich haben. Jetzt sitzen wir hier – immer schön mit Abstand natürlich – und entdecken die Insel nochmal neu, für uns selbst. Ich habe schon lange Spaziergänge am einsamen Strand gemacht, da kann man eine unglaublich spirituelle Tiefe erreichen. Ich war dort mit mir und Gott in der Weite seiner wunderschönen Schöpfung ganz allein.

Es sind auch geistliche Tage, die klösterlich anmuten. Damit verbunden habe ich die Hoffnung, dass wir durch diese Krise wieder mehr auf das Wesentliche schauen, in Demut wahrnehmen, was uns allen gegeben ist und Gottes Schöpfung mehr achten. Vielleicht können wir die Krise auch als „Zwangs-Sabbat“ verstehen.“

Der Borkumer Strand ist kurz vor Ostern normalerweise gut besucht - wegen Corona nun aber komplett leer. Bild: Jörg Schulze

Christine Warnecke

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Ein altes Telefon (Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay)
Ein altes Telefon (Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay)

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