Kirchenhistoriker: "Europa ist in religiöser Hinsicht taub"

Nachricht 31. Oktober 2019

Amelungsborn. Der Leipziger Kirchenhistoriker Klaus Fitschen hat die häufig national ausgerichteten evangelischen Kirchen in Europa kritisiert. Nach wie vor täten sich die Protestanten schwer mit einem gemeinsamen Europagedanken, mahnte Fitschen am Mittwochabend beim Jahresempfang des evangelischen Klosters Amelungsborn und des Kirchenkreises Holzminden. "Europa ist in religiöser Hinsicht taub", sagte Fitschen. Bis zum Zweiten Weltkrieg hätten die evangelischen Kirchen in Europa den Nationalismus verstärkt und religiös grundiert.

Die unterschiedlichen politischen und kulturellen Hintergründe erschwerten es, protestantische Themen einheitlich in die europäische Diskussion einzubringen, erläuterte der evangelische Theologe. Gerade die Kirchen in Ost- und Ostmitteleuropa verträten häufig eine ablehnende Haltung gegenüber westeuropäischen Standpunkten. Auf Themen wie Flucht, Migration, Gleichberechtigung oder die Aufhebung der Diskriminierung Homosexueller hätten die Kirchen unterschiedliche Sichtweisen, teilweise auch innerhalb von Ländern, erläuterte Fitschen. Europa scheine gelegentlich als "ein Hobby der Kirchenleute da oben" begriffen zu werden, sagte der evangelische Theologe in seinem Vortrag "Europa als Aufgabe des Protestantismus" laut Manuskript. Europa müsse aber ein Anliegen aller bleiben.

Zudem befänden sich alle evangelischen Kirchen in Europa, auch die deutschen Protestanten, auf dem Weg zu Minderheitenkirchen in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft. Kirchen sollten dabei als zivilgesellschaftlicher Akteur begriffen werden, der weiterhin eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Diskurs auch auf europäischer Ebene einnehmen könne. Dies gelte etwa für soziale, bioethische und friedenspolitische Fragen. "Kirchen und Glaubensgemeinschaften sind fester Bestandteil unserer alltäglichen Wirklichkeit und machen das Wesen unserer 28 Mitgliedsstaaten in der EU aus", sagte der Kirchenhistoriker.

Die Anhänger der Anglikanischen Kirche in Großbritannien tendierten eher dazu, eine transatlantische Perspektive einzunehmen, sagte Fitschen. Zugleich hätten die meisten Theologen offen für einen Verbleib in der Europäischen Union und gegen den Brexit votiert. "Europa ist kein Elitenprojekt, es schafft soziale und rechtliche Standards, verhindert Konflikte und ermöglicht den Transfer von Wissen."

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen