Veranstaltung "Treffpunkt Schule" im RPI Loccum

Nachricht 07. Oktober 2019

Von der Zweckfreiheit zur Muße: Fulbert Steffensky referiert in RPI-Tagung

Loccum. Ein Jahr mit „Zeit für Freiräume“ soll 2019 sein – das ist erklärtes Ziel der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Zum Nachdenken über und Zeit haben für solche Freiräume hat auch das Religionspädagogische Institut Loccum (RPI) mit seinem „Treffpunkt Schule“ eingeladen. Religiöses Lernen in Muße ist das Thema der Tagung für Religionslehrkräfte und Schulpastoren gewesen – und hat mit Prof. Dr. Fulbert Steffensky einen Referenten gehabt, der die spirituelle Seite solcher Freiräume lebendig, tiefgründig, unterhaltsam und mit manchen provokativen Aussagen beleuchtete.

Steffensky ist emeritierter Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik, war Benediktiner-Mönch, bevor er, wie er sagt, quasi „die Partei wechselte“ und Protestant wurde. Verheiratet war er mit der Theologin Dorothee Sölle, mit der er 1968 das „politische Nachtgebet“ initiierte, das über viele Jahre in Köln abgehalten wurde und 1982 als Vorbild für die Montags-Friedensgebete diente, die einer der auslösenden Faktoren für den Fall der innerdeutschen Mauer waren.

Stationen seines Lebens ließ PD Dr. Silke Leonhard, Rektorin des RPI, Revue passieren, bevor sie Steffensky bat, seinen Vortrag über „Muße. Spielen, Glauben.“ zu halten. Manches an diesem Lebenslauf war den Zuhörern bekannt und für nicht wenige von ihnen war der Vortrag Steffenskys ein weiterer guter Grund gewesen, sich für den „Treffpunkt Schule“ anzumelden. Sie sind nicht enttäuscht worden.

Muße. Muße machte Steffensky zunächst an Tom Sawyer – oder vielmehr an dessen Freund Ben – fest. Lustlose Pflichterfüllung ist es für Tom, den Zaun für seine Tante zu streichen. Dessen Freund Ben betrachtet diese Aufgabe hingegen als eine Kunst, die er gerne und mit ganzem Herzen macht. Pflicht für Tom, Muße für Ben – die Herangehensweise, sagte Steffensky, mache den Unterschied.

Sinn. Nicht weniger als den Sinn des Lebens versuchte der Theologe anschließend herauszukristallisieren. Sinn – müsse er immer an Zweck und Nutzen gebunden sein? Die Fußwaschung Jesu im Lukas-Evangelium führte er an. Dass die Männer rund um Jesus nicht verstanden, welchen Sinn es mache, kostbare Öle zu verschwenden für diese Geste der Gnade. „In den Augen dieser Männer hat nur Sinn, was Zwecke hat.“ Aber: Kein Gott fordere mehr als der Gott der Effizienz und der Produktivität. Genau dort müsse aber die Gewissensfrage gestellt werden: Was müsse man nicht tun, was könne man lassen? Und die Frage, die sich jeder stellen solle, auch wenn es nicht leichtfalle: „Wo sind wir entbehrlich?“ – So könne Muße entstehen.

Steffensky, dessen Name mit den politischen Nachtgebeten so eng verknüpft ist, bat um mehr zweckfreies Sein – und das auch in Gottesdiensten. Die „große Absichtslosigkeit“ fehle ihm dort, zu Mitteilungs-Gottesdiensten seien sie oft verkommen, immer werde ein Zweck verfolgt, immer sollten Gottesdienste interessant sein. Dabei seien Gottesdienste noch nie interessant gewesen! Könnten sie nicht für sich allein als zweckfrei und einfach nur als schön angenommen werden? Gibt es mehr Gnade von Gott, wenn ein Zweck dahintersteckt? Das sei doch, als wolle er eine Frau küssen, damit sie besser koche, meinte Steffensky.

Nahezu aufrührerisch erscheinen einige dieser Gedanken Steffenskys. Und lassen sich doch gut nachvollziehen – auch und gerade in einem Jahr, in dem die Landeskirche nach Freiräumen sucht. Die Formeln des Rituals in Gottesdiensten, sagte er, sollten doch bitte gerettet werden vor der „Überbewusstheit“. Gleichzeitig plädierte er für weniger Worte – „Protestantische Gottesdienste müssen ihre Sprachzwänge reduzieren!“ – und dafür, der Kargheit im Protestantismus Szenen, Inszenierungen und Theater entgegenzusetzen. Geist, meinte er, brauche das.

Viele Worte hatte Steffensky an diesem Vormittag mitgebracht – was aber keiner der Zuhörenden in die Kategorie „Sprachzwang“ einordnete. Muße gab es für ihn durch seinen Beitrag zu dem „Treffpunkt Schule“ eher nicht – schließlich hatte der 86-Jährige eine weite Reise aus Luzern angetreten, um in Loccum dabei sein zu können. Von dem, was er liebt, was er sich wünscht und was für ihn Muße ist, gab es aber dennoch viel, denn auch Musik gehörte dazu. Rund 80 Teilnehmer, die überwiegend geübte Sänger sind, bildeten einen Chor, in dem das Lob Gottes zweckfrei und dennoch sinnhaftig im Hörsaal erklingen konnte.

Öffentlichkeitsarbet im RPI Loccum