Filmtipp: "Systemsprenger"

Nachricht 03. September 2019

Was für ein Film: Bilder voller Energie und Farbe, kraftvolle Musik, eine Kamera, die mitreißt und mitgeht.  Und zugleich sensibel und anrührend.

Im Mittelpunkt steht Benni, sie ist neun. Benni hat kein Zuhause. Weder bei ihrer Mutter noch in Jugendhilfeeinrichtungen kann sie lange bleiben. Sie flippt immer wieder aus, wird aggressiv, gefährdet und verletzt sich und andere Kinder. Alle Versuche, sie zu integrieren misslingen. Ob Mutter, Sozialarbeiterin, Erzieher, Lehrerinnen – alle scheitern sie bei dem Versuch, diesem Mädchen einen Ort zum Leben zu geben.

„Systemsprenger“ nennt man in Pädagogik und Psychiatrie Kinder und Jugendliche, die immer wieder die Systeme von Familie, Schule, Heim, Wohngruppe „sprengen“. Keine Einrichtung kann sie lange halten.

Der Regisseurin Nora Fingscheidt ist in ihrem ersten langen Spielfilm ein sensibles Portrait eines Kindes gelungen, das immer wieder die Grenzen sprengt. Großartig die junge Hauptdarstellerin Helena Zengel, sie spielt Benni mit höchster Präsenz, aggressiv und sanft, und dann wieder einfach Kind. Auch filmisch findet das Filmteam die richtigen Mittel: eine Kamera, die beobachten kann und dann wieder selbst die Kontrolle verliert, eine Musik, die alles gibt, eine Farbgestaltung, die die Gefühle zum Ausdruck bringt, ein Schnitt der mitempfinden lässt, was der Film zeigt.

Die Regisseurin wurde im Zusammenhang mit ihren Arbeiten für Dokumentarfilme auf das Phänomen der „Systemsprenger“ aufmerksam. Viele Jahre hat sie recherchiert, hat Kinder, Jugendliche und Einrichtungen kennengelernt. Daraus ist nun ein Spielfilm geworden. bewusst hat sie sich für ein neunjähriges Mädchen als Hauptfigur entschieden, um nicht in Klischees (typisch Jungs, typisch Pubertät) für die „Erklärung“ des Phänomens zu geraten.

Der Film spielt übrigens zwischen Hannover, Helmstedt und der Heide.

Berührend ist es, wie die von Gabriela Maria Schmeide gespielte Sozialarbeiterin des Jugendamtes anfängt zu weinen, als ein weiterer Plan für Bennis Unterbringung scheitert. Was für den Film einnimmt: da werden keine Schuldzuweisungen an Eltern oder Erziehungsprofis aus der Jugendhilfe gemacht, alle Beteiligten agieren am Limit, sind letztlich überfordert.  Was Benni braucht, ist Liebe und Verlässlichkeit.  

Einmal, da zeigt ihr der Antigewalttrainer im Wald eine Stelle, an der es ein Echo gibt. Doch als Benni immer wieder  „Mama“ ruft, bleibt sie ohne Antwort.

Der Film gewann u.a. bei der Berlinale  einen Silbernen Bären und  den Preis der Ökumenischen Jury beim Filmfestival in Kiew. Und nun ist er als deutscher Beitrag für das Rennen um den Oskar nominiert

Dietmar Adler, INTERFILM