"Manchmal gibt es Grenzen, über die hinaus Hilfe nicht wirken kann"

Nachricht 11. Februar 2019

Hannover. Ein obdachloser Mann ist am Freitagmorgen tot vor einem Nebenportal der Marktkirche in Hannover aufgefunden worden. Trotz wiederholter Versuche, hatte der Mann in den Tagen vor seinem Tod keine Hilfe angenommen. Diese Abwehrhaltung ist unter Obdachlosen durchaus verbreitet, sagt der hannoversche Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Woher kommt die Ablehnung von Obdachlosen, in einer Notsituation Hilfe anzunehmen?

Rainer Müller-Brandes: Meist geht das zurück auf schlechte Erfahrungen mit Institutionen. Wenn dann also Helfer von einer Organisation kommen, kann es sein, dass die Menschen ganz automatisch reserviert darauf reagieren - ganz gleich, welche Organisation es ist. Sie wollen sich nicht vereinnahmen lassen und haben einen regelrechten Abwehrschirm um sich errichtet.

Aber wie kann dieser Abwehrschirm durchbrochen werden?

Dafür braucht es vor allem Zeit und vertrauensbildende Maßnahmen. Innerhalb kurzer Zeit ist es sehr schwierig, zu jemandem vorzudringen, der auf der Straße lebt und sich abgeschirmt hat. In der Hilfsarbeit ist es daher nicht unüblich, über mehrere Termine langsam einen Kontakt aufzubauen. Im konkreten Fall war dies allerdings nicht möglich.

Wie kann dann ein einfacher Bürger einem Obdachlosen helfen, der nach seinem Eindruck dringend Unterstützung benötigt?

Wenn alles nichts hilft und es schnell gehen muss, muss die 112 angerufen werden. Die Retter haben durchaus auch die Möglichkeit Menschen zu entmündigen, wenn echte Gefahr im Verzug ist. Dann kann auch gegen den Willen geholfen werden. Diese Schwelle war bei dem Mann an der Marktkirche nicht erreicht. Ein Arzt hatte ihn ja am Dienstag noch untersucht. Insofern müssen sich auch Helfer leider manchmal eingestehen, dass es trotz aller Umsicht Grenzen gibt, über die hinaus Hilfsangebote nicht mehr wirken können.

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen