"Das Dürrejahr hat uns alle wachgerüttelt"

Nachricht 05. Oktober 2018

Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast über das Erntedankfest

Vertrocknetets Maisfeld in Niedersachsen am 02.09.2018
Vertrocknetets Maisfeld in Niedersachsen am 02.09.2018, Foto: Norbert Neetz / epd

epd-Gespräch: Michael Grau

Hannover (epd). Barbara Otte-Kinast (CDU) ist seit einem knappen Jahr niedersächsische Landwirtschaftsministerin. Die 54-Jährige stammt selbst aus einem landwirtschaftlichen Betrieb und ist Landwirtin mit Leib und Seele. Im epd-Gespräch spricht sie über die Konsequenzen aus dem Dürrejahr 2018, die Folgen des Klimawandels und die Wertschätzung der Landwirtschaft in der Gesellschaft.

epd: Frau Otte-Kinast, Erntedank ist ein altes Fest. Was hat es aus Ihrer Sicht den Menschen heute zu sagen?

Otte-Kinast: Dass wir dankbar sein müssen für das, was wir haben, egal wie die Ernte ausgefallen ist. Ich finde es wichtig, darüber nachzudenken, wie gut es uns geht. Dass wir in einer Demokratie und in Frieden leben. Und dass wir satt zu essen haben. Das ist nicht selbstverständlich und für mich jedes Jahr ein Grund, dankbar zu sein. Gerade in der heutigen Zeit, wo die Landwirtschaft sehr technisiert ist, bin ich zusätzlich noch dankbar, dass niemandem etwas passiert ist bei den Arbeiten auf dem Feld.

epd: Demokratie und Frieden zählen Sie auch zu Erntedank?

Otte-Kinast: Ja, das sind Früchte politischer Arbeit. Ich bin Politikerin geworden, weil ich die Demokratie sehr schätze.

epd: Für die Landwirte in Niedersachsen war 2018 kein leichtes Jahr wegen der großen Dürre. Es gab Ernteausfälle von 30 Prozent, in manchen Orten auch deutlich darüber. Können die Landwirte in diesem Jahr überhaupt richtig dankbar sein?

Otte-Kinast: Landwirte werden immer dankbar sein, auch für das Wenige, was sie geerntet haben. Jedes Jahr, wenn sie im Herbst ihre Felder bestellen, wissen sie nie, was sie im Jahr darauf ernten werden. Ich glaube, Landwirte wachsen damit auf, demütig zu sein. Und wer demütig ist, der weiß, dass er ganz viel bewegen kann, innovativ oder kreativ. Aber letztendlich liegt es nicht in unserer Hand, wann es regnet und wann die Sonne scheint.

epd: Die Landwirte müssen auch leben. Wie kann die Politik ihnen helfen?

Otte-Kinast: Dieses Dürrejahr 2018 hat uns alle sehr wachgerüttelt. Bei vielen sind die Alarmglocken angegangen: Die Landwirtschaft muss sich dem Klima anpassen. Das machen Landwirte schon seit vielen Jahren, aber wir als Politiker können noch mehr unterstützen. Zum Beispiel, in dem wir Forschungsprojekte anstoßen. Mein Plan ist, aufgrund dieses Dürrejahres für den Ackerbau viele Dinge neu zu denken. Wir brauchen eine komplette Ackerbau-Strategie. Wie soll der Ackerbau die nächsten Jahre aussehen? Es gibt den Regen zu anderen Zeiten, als wie wir es gewohnt sind. Es gibt lange Dürrephasen, es gibt lange nasse Phasen. Da müssen wir mit den Landwirten Lösungen finden.

epd: Was muss sich verändern?

Otte-Kinast: Wir müssen darüber nachdenken: Welche Sorten haben hier in Zukunft eine Chance? Die Landwirte haben häufig auf den Anbau von Rüben, Weizen, Raps oder Mais gesetzt. Es waren wenige Früchte im Anbau, das war bislang immer möglich. Nun muss eine größere Vielfalt reingebracht werden. Ich denke da an Sommerungen und Winterrungen mit langer Vegetationszeit, an Hafer oder Leguminosen (Hülsenfrüchtler, d.Red.) Einige Landwirte haben bereits damit begonnen, auf spezielle Sorten umzustellen, die eine höhere Trockentoleranz aufweisen. Zusätzlich geht es darum, die Bodenstruktur so zu verbessern, dass der Boden mehr Wasser speichern kann. Nur so wird es gelingen, die Ernteeinbußen bei Extremwetterereignissen zu minimieren.

epd: Erfahren die Landwirte aus Ihrer Sicht in der Gesellschaft derzeit die Wertschätzung, die Ihnen gebührt?

Otte-Kinast: Ja, aber da ist noch mehr Luft nach oben. Vor drei Jahren hätte ich die Frage mit Nein beantwortet. Aber ich finde, es hat sich in der letzten Zeit ganz viel getan in Sachen Kommunikation. Und das trägt dazu bei, dass der Verbraucher einen anderen Blick auf die Landwirtschaft kriegt. Ein Teil der Bevölkerung sieht eher das Negative in vielen Dingen. Gefühlt ist es ein ganz kleiner Teil, der aber ganz laut ist. Aber die Masse der Bevölkerung ist zufrieden, zu jeder Zeit und relativ günstig alles zu essen und zu trinken zu haben.

epd: Haben Sie Verständnis für Kritiker der industriellen Landwirtschaft?

Otte-Kinast: Habe ich überhaupt nicht. Ich finde es einfach unfair. Jeder erwartet für sich einen attraktiven Arbeitsplatz, aber den Landwirten gesteht man das nicht zu. Jeder möchte, dass sein Arbeitsplatz rückenschonend ist, und möchte regelmäßige Pausen. Aber Landwirte sollen sich bewegen wie vor 100 Jahren. Die sollen am besten mit der Milchkanne über den Hof laufen. Wenn ich als Landwirt einen guten Arbeitsplatz haben möchte, dann verändere ich meine Ställe und arbeite mit Maschinen. Die Betriebe sind heute hochmodern, digital, die Schlepper sind GPS-gesteuert. Diesen Schritt verstehen viele Leute nicht. Die wünschen sich am Wochenende eine heile Welt auf dem Lande. Das hat die Werbung vielleicht auch falsch gemacht. Es ist so schwer, dieses Bild in den Köpfen zu verändern.

epd: Viele Kritiker und Tierschützer stören sich vor allem an der Massentierhaltung.

Otte-Kinast: Für mich gibt es den Begriff gar nicht. Für mich gibt es eine Tierhaltung. Und es gibt Landwirte, die haben viele Tiere im Stall, und Landwirte, die haben weniger Tiere im Stall. Die Anzahl der Tiere hat nichts mit einer guten oder schlechten Haltung zu tun. Groß ist nicht immer böse, und klein ist nicht immer kuschelig und gesund für die Tiere. Das Tierwohl hängt vom Management des Landwirts ab. Der eine macht es gut, und der andere macht es weniger gut. Bilder, wo ein Haufen Tiere in engen Buchten sitzen, will ich auch nicht sehen. Da müssen wir dran arbeiten.

epd: Müssen die Höfe, um überleben zu können, immer größer werden?

Otte-Kinast: Nein. Sie müssen qualitativ gut sein. Sie müssen das, was sie machen, gut machen. Dazu gehört eine fundierte Ausbildung und ein überlegtes Management. Und es gehört ein mutiger Betriebsleiter dazu. Er muss neue Dinge denken und neue Wege gehen können. Größe ist nicht alles.

epd Landesdienst Niedersachsen-Bremen