Niedersachsen und Bremen wollen keine Pflichtbesuche in Gedenkstätten - Experten setzen auf pädagogische Konzepte statt Zwang

Nachricht 23. Januar 2018
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Jugendliche aus neun Nationen sehen sich die Reste eines Entlausungs- und Badgebäudes auf dem Gelände des früheren Konzentrationslagers Bergen-Belsen bei Celle an. (Symbolbild) Bild: epd-Bild/Dethard Hilbig

Hannover/Bremen. In Niedersachsen und Bremen gibt es für Schülerinnen und Schüler keine Besuchspflicht in NS-Gedenkstätten. Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hält Pflichtbesuche auch nicht für sinnvoll. "Zwangsweise Besuche in Gedenkstätten führen meiner Überzeugung nach nicht zum erhofften Lerneffekt", sagte er dem epd in Hannover. Die Sprecherin der Bremer Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD), Annette Kemp, verwies darauf, dass die Schulen eigenständige pädagogische Einheiten seien, die den Inhalt des Geschichts- beziehungsweise des Politikunterrichtes selbst bestimmen könnten.

"Das Thema Nationalsozialismus wird allerdings vielfach und umfassend in den Schulen behandelt - auch mit Besuchen der Gedenkstätten", sagte Kemp. Gleiches gilt für Niedersachsen, wo nach Angaben des Kultusministeriums der Etat für die pädagogische Arbeit an den Gedenkstätten und die Fördermittel für die Besuche von Schulklassen in den vergangenen zwei Jahre deutlich erhöht worden ist. "Wir sind immer alle gefordert, neue Ideen zu entwickeln, damit sich junge Menschen mit den Grauen des verbrecherischen Naziregimes beschäftigen wollen und damit sie die menschenverachtenden Mechanismen dahinter auch tatsächlich verstehen", sagte Minister Tonne.

Die Debatte um eine Besuchspflicht hatte in den vergangenen Wochen auch mit Blick auf den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar bundesweit an Fahrt aufgenommen. Die Diskussion war durch die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) ausgelöst worden. Sie hatte sich kürzlich angesichts aktueller antisemitischer Vorfälle in Deutschland für Pflichtbesuche in Konzentrationslagern ausgesprochen und gesagt, das müsse auch für Zuwanderer gelten.

In Niedersachsen können die Schulen Fördermittel für die Besuche bei der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten beantragen. Laut Stiftungsleiter Jens-Christian Wagner können dafür im laufenden Jahr insgesamt rund 100.000 Euro abgerufen werden. Weitere 100.000 Euro stünden für die Verbesserung pädagogischer Angebote in den Gedenkstätten zur Verfügung. Im Land Bremen fehlen derzeit nach Angaben des Leiters der Landeszentrale für politische Bildung, Thomas Köcher, die Möglichkeiten, Gedenkstätten-Besuche generell finanziell zu unterstützen.

Wagner und Köcher warben dafür, die Gedenkstätten besser auszustatten, damit sie eine entsprechende pädagogische Arbeit leisten können. Die Nachfrage von Schulklassen bringe die Gedenkstätten an eine Belastungsgrenze, sagte der Historiker Wagner, der auch Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide ist. "In Bergen-Belsen sind wir de facto für 2018 bereits ausgebucht und es liegen schon Anfragen für Gruppenbetreuungen für 2020 vor." Um alle Gruppen intensiv begleiten zu können, seien mehr Personal und mehr gut ausgerüstete Gruppenräume an den Gedenkstätten erforderlich.

Köcher sagte, der pädagogische Ansatz der Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Deutschland habe sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. "Statt einer 'moralischen Keule' oder 'Betroffenheitspflicht' stehen heutzutage neben der vermittelten Geschichte Fragen der Menschenrechte, der Demokratie und der zivilgesellschaftlichen Verantwortung im Mittelpunkt."

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen

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Gedenkstätte Bergen-Belsen:
Öffnungszeiten des Dokumentationszentrums mit Besucherinformation und Buchhandlung, Oktober bis März: 10 bis 17 Uhr, April bis September: 10 bis 18 Uhr. Der Besuch ist kostenlos.

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