Polizeiseelsorger: Beamte kritisieren Wahl des Ortes für G20

Nachricht 10. Juli 2017

Bremen. Wut über die Gewalt und fast 480 verletzte Kollegen, Unverständnis über einen G20-Gipfel mitten in Hamburg und Ärger über Einsätze jenseits der Belastungsgrenze - so beschreibt Uwe Köster, Polizeiseelsorger in Bremen und Vorsitzender der Konferenz Evangelischer Polizeipfarrerinnen und Polizeipfarrer, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) die Stimmung während des Einsatzes am vergangenen Wochenende.

epd: Sie haben Einsatzkräfte aus Bremen zum G20-Einsatz in Hamburg begleitet und standen als Polizeiseelsorger im Hintergrund bereit. Was hat die Frauen und Männer beschäftigt?

Uwe Köster: Besonders berührt und beeindruckt waren viele von der Gewalt um der reinen Gewalt willen, die sie erlebt haben. Das hatte nichts mehr mit einem politischen Anliegen zu tun. Das macht die Polizistinnen und Polizisten auch wütend, besonders wenn sie von Hunderten verletzten Kollegen hören. Es gab aber auch sehr großes Unverständnis darüber, dass der G20-Gipfel mitten in der Stadt und dann auch noch neben dem Schanzenviertel mit dem Autonomen-Zentrum Rote Flora stattfand. Viele sagten: Der Ort war falsch gewählt. Manche der Polizisten sind auch frustriert, dass sie zwar die Gipfel-Teilnehmer schützen konnten, nicht aber die Bevölkerung, die Autos und Läden. Sie können nicht überall sein, auch wenn sie das gern würden.

epd: Haben Sie den Eindruck, dass das Ausmaß der Gewalt gestiegen ist?

Köster: Natürlich war die Gewalterfahrung in Hamburg extrem. Aber Spezialeinheiten wie die Besatzung der Wasserwerfer kennen das auch von anderen Einsätzen wie dem 1. Mai in Berlin und der Eröffnung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt im März 2015. Diesmal kam aber teilweise eine noch höhere Bedrohung dazu. So mussten die Dächer im Schanzenviertel erst geräumt werden von Leuten, die Steine herunterwarfen, bevor die Polizisten gegen die Gewalttäter auf der Straße vorgehen konnten. Sehr erbost sind einige Polizisten darüber, dass ihnen in einigen Medien und sozialen Netzwerken vorgeworfen wird, sie hätten mit ihrem Auftreten zur Eskalation beigetragen. Das empfinden sie als sehr verletzend.

epd: Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Mannheim hat über Facebook ein Foto verbreitet, auf dem Polizisten in einem Hausflur liegen. Sie hätten das "Maß der persönlichen Belastbarkeit weit überschritten", schreibt er. Was haben Sie erlebt?

Köster: Das war sicherlich kein Einzelfall. Die Dienstzeiten sind sehr lang bei solchen Einsätzen, auch deutlich über 24 Stunden, dass man auch mal im Stehen einschläft. Das ist an sich nichts Neues, aber in diesem Maß hat es das Gewohnte gesprengt. Und im Nachhinein fragen sich dann doch einige: Was tue ich da eigentlich? In welche Gefahr begebe ich mich? Kann es sein, dass knapp zehn Prozent der Polizisten in Deutschland ein einziges Ereignis schützen müssen?

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen

"Letztlich geht es um Menschenleben"

10-12-LOKAL--Sonderseelsorge-Notfall
Pastor Frank Waterstraat ist Seelsorger bei Polizei und Zoll. Bild: Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

„Ein solches Maß an Hass, Gewalt und Zerstörungswut habe ich noch nicht erlebt. Ich finde es unerträglich, wenn unter dem Deckmantel des angeblichen Kampfes für internationale Solidarität, Gerechtigkeit und Freiheit schwerste Straftaten geplant und auch begangen werden. Vor allem dann, wenn offensichtlich der Mensch in der Polizeiuniform nicht mehr wahrgenommen wird. Manche Angriffe auf die Polizei scheinen mir nur erklärbar und möglich, wenn die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigende Polizei zum Feind erklärt wird. Hier muss es ein absolutes NEIN aller demokratisch eingestellten Kräfte in Richtung der Täter geben. Denn letztlich geht es um Menschenleben."

Frank Waterstraat leitet den Kirchlichen Dienst in Polizei und Zoll der evangelischen Kirchen in Niedersachsen. Als Seelsorger war er in den letzten Tagen in Hamburg vor Ort.