Göttinger Händel-Festspiele unter dem Motto "Glaube und Zweifel"

Nachricht 22. April 2017

Göttingen. Ein glühender Lutheraner wie Johann Sebastian Bach war sein Zeitgenosse Georg Friedrich Händel (1685-1759) zwar nicht. Der in Halle geborene Komponist ließe sich eher als religiöses Chamäleon bezeichnen, lacht der Intendant der Göttinger Internationalen Händel-Festspiele, Tobias Wolff. Er sei nicht dogmatisch gewesen, sondern habe mit derselben Begeisterung katholische, pietistische und anglikanische Kirchenmusik geschrieben. "Am Ende hat Händel an seine Musik geglaubt. Er hat Musik geschrieben, die sehr von Kontrasten geprägt ist - mit großen Jubelchören und zweifelnden Momenten", berichtet Wolff im Vorfeld des diesjährigen Festivals.

Lutheraner hin oder her - die Festspiele stehen im Jahr des 500-jährigen Reformationsjubiläums vom 11. bis 28. Mai unter dem Motto "Glaube und Zweifel". Zum Programm gehören unter anderem das Oratorium "Luther in Worms" von Ludwig Meinardus (1827-1896) und der Liederabend "Luthers Laute" mit Kompositionen vom Reformator höchstpersönlich und seinen Zeitgenossen Ludwig Senfl und Josquin Desprez.

Auch Händels Brockes-Passion, die nur selten zu hören sei, werde an Himmelfahrt aufgeführt, berichtet Wolff. Literarische Vorlage des Stücks ist ein Passionstext vom Dichter Barthold Heinrich Brockes (1680-1747). Ein Problem, die Passionsmusik erst Wochen nach Ostern zu spielen, sieht der Intendant dabei nicht: "Ich habe unseren Pastor gefragt, und der sagte, Christi Himmelfahrt sei ohne die Passion nicht denkbar."

Mit seinem jeweiligen Jahres-Motto greife das Festival Themen auf, die in der Luft lägen, betonte Wolff. So fanden die Händel-Festspiele 2013 unter dem Titel "Orient" statt und nahmen damit Bezug auf den Arabischen Frühling. "Wir können die Welt nicht verändern, aber vielleicht einen Boden bereiten, der politisches Verständnis schafft für gewisse Situationen, Bevölkerungsgruppen oder Religionen." Auch Händel selbst sei politisch interessiert gewesen und habe unter anderem Musik zu Friedensabkommen nach Kriegen geschrieben. "Darüber hinaus hatte Händel Sinn für Soziales." Einmal jährlich habe er sein Oratorium "Messias" zugunsten des Londoner Foundling Hospitals aufgeführt.

Die diesjährige Festspieloper ist Händels "Lotario", die erstmals in Göttingen szenisch aufgeführt wird. Sie behandelt die Geschichte Adelheids von Burgund, verwitwete Königin von Italien. Diese will Markgraf Berengar mit seinem Sohn zwangsverheiraten. Zu Hilfe eilt ihr Otto der Große. Für Wolff berühren nahezu alle Opern und Oratorien Händels aktuelle Themen. Gerade die Arien, die traditionsgemäß verschiedene Emotionen wie Liebe, Hass oder Eifersucht Wut abbildeten, seien zeitlos, erzählt er. Und auch die Barockmusik selber passe gut in die heutige Zeit. "Die Musik ist sehr rhythmisch und strukturiert. Sie lässt sich sogar mit Hip Hop kombinieren."

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen