Talar mit Taille - Frauenmuseum Bonn zeigt Weg der Frauen von der Reformation bis ins Pfarramt

Nachricht 17. Januar 2017

Die Reformation gelang vor 500 Jahren auch durch die tatkräftige
Unterstützung von Frauen. Doch es dauerte noch rund 400 Jahre, bis
die Evangelische Kirche Frauen zum Pfarrdienst zuließ. Die
Entwicklung zeigt eine neue Schau im Frauenmuseum in Bonn.

Bonn. Eine Frau im Talar? Noch in den 1950er Jahren war das für
viele evangelische Christen undenkbar. Wohl um der Vorstellungskraft
des Kirchenvolks auf die Sprünge zu helfen, fertigte Pfarrvikarin
Änne Kaufmann 1952 Entwürfe von Talaren für Pfarrerinnen an.
Wesentlicher Unterschied zu den Herren-Modellen: Die abgesetzte
Taille, ganz im Chic der 1950er Jahre. Mühsame Versuche auf dem Weg
der Frauen ins Pfarramt. Und das, obwohl sie schon rund 400 Jahre
zuvor bei der Reformation kräftig mitgemischt hatten.

   «Die wenigsten Menschen wissen aber, dass es auch Reformatorinnen
gab», sagt Marianne Pitzen, Direktorin des Frauenmuseums. Die
Ausstellung «Katharina von Bora - von der Pfarrfrau zur Bischöfin,
die Geschichte der weiblichen Reformation - Künstlerpaare» will
deshalb den langen Weg der Frauen zur Gleichberechtigung in der
evangelischen Kirche nachzeichnen.

   Zunächst habe sich mit der Reformation auch für die Frauen eine
Tür zu mehr Gleichberechtigung in Glaubensdingen geöffnet, sagt
Kuratorin Bettina Bab. Das neue Bibelverständnis, nach dem alle
Christen direkt vor Gott stehen und Zeugnis über sich und ihren
Glauben ablegen, habe auch Frauen neue Handlungsspielräume eröffnet.
Die Übersetzung der Heiligen Schrift ins Deutsche gab zudem mehr
Frauen die Möglichkeit, sich profundes Bibelwissen anzueignen.

   «So verfassten Frauen nun Katechismen, religiöse Erbauungsbücher
oder Kirchenlieder», erklärt Bab. Andere setzten sich tatkräftig für
die Reformation ein. Allen voran stellt die Schau die Ehefrau des
Reformators Martin Luther, Katharina von Bora, vor. Sie galt als
Geschäftsführerin des Hauses Luther. «Sie hat jeden Tag mindestens 50
Leute beköstigt», sagt Pitzen. Denn im Haus hielten sich stets
zahlreiche Studenten und Reformatoren auf. Vor allem die Briefe
Luthers an seine Frau dokumentierten ihre gleichberechtigte Rolle in
der Ehe.

   Daneben fällt der Blick auch auf weniger bekannte Verfechterinnen
der Reformation. So zum Beispiel die bayerische Adelige Argula von
Grumbach, die seit 1522 mit Luther korrespondierte. Sie setzte sich
unter anderem tatkräftig für den jungen Theologen Seehofer ein, der
an der Universität Ingolstadt reformatorische Vorlesungen hielt.

   Auch Katharina Zell, Ehefrau des Predigers des Straßburger
Münsters, mischte sich in Glaubensdispute ein. Sie predigte sogar und
setzte sich für Glaubensflüchtlinge ein. Jacqueline de Rohan, die
nach dem Tod ihres Mannes Regentin von Neuchatel in der Schweiz
wurde, unterstützte die Reformation aktiv. Sie setzte reformierte
Pfarrer ein und überließ ihnen katholische Kirchen, gestattete aber
zugleich Katholiken weiterhin ihren Glauben.

   Doch die neuen Mitwirkungsmöglichkeiten in Glaubensfragen führten
noch lange nicht zur Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche.
Nach dem Religionsfrieden von Augsburg 1555 habe jede Konfession ihre
eigenen Universitäten bekommen, sagt Bab. «Frauen hatten aber keinen
Zugang zum Studium und daher auch keine Möglichkeit, theologisch zu
lehren.»

   Erst rund 400 Jahre später bahnten sich Frauen mühsam ihren Weg
ins Pfarramt. Das Pfarrvikarinnengesetz der Evangelischen Kirche der
Union von 1952 ermöglichte den Gliedkirchen, ordinierte
Pfarrvikarinnen mit vollem Auftrag in den Landgemeinden einzusetzen.
Doch es dauerte noch Jahrzehnte, bis die Theologinnen ihren
männlichen Kollegen in allen Landeskirchen gleichgestellt waren. Und
erst 1992 konnte Maria Jepsen in Hamburg als weltweit erste
lutherische Bischöfin ihr Amt antreten.

   Die Ausstellung wird in einem zweiten Teil ergänzt durch Arbeiten
von aktuellen Arbeiten zum Thema «Paare in der Kunst». Ausgangspunkt
sind die Doppelporträts von Lucas Cranach d. Ä. von Martin Luther und
seiner Ehefrau Katharina von Bora. Zu sehen sind Werke von 17
Künstlerpaaren.

Evangelischer Pressedienst

Weitere Informationen

Die Ausstellung ist vom 15. Januar bis 1. November zu sehen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 14 bis 18 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr.
Adresse: Frauenmuseum, Im Krausfeld 10, 53111 Bonn

Frauenmuseum