Zentrum für erschöpfte Pastoren ist gut ausgelastet

Nachricht 28. Dezember 2016

Barsinghausen/Reg. Hannover. Pastorinnen und Pastoren sollen Bauprojekte leiten, Gelder einwerben, Gottesdienste vorbereiten, Konzepte schreiben, Jugendfreizeiten organisieren oder den interkulturellen Dialog voranbringen. Manchmal drohen dann auch noch Gemeindemitglieder mit Austritt, wenn ihre persönlichen Wünsche nicht erfüllt werden, berichtet Pastor Guido Depenbrock. "Wenn ein Pastor dann irgendwann nicht mehr kann, fühlt er sich häufig noch dem Vorwurf ausgesetzt, nicht belastbar genug zu sein." Seit zwei Jahren steuert das evangelische Zentrum "Haus inspiratio" für Theologen mit Erschöpfungszuständen dagegen an - und ist gut ausgelastet.

Die Kurse seien fast immer voll und zum Teil überbucht, sagte Depenbrock als Leiter der Einrichtung. Das Haus im Kloster Barsinghausen bei Hannover bietet sechs Mal im Jahr sechswöchige Kurse an, bei denen bis zu neun Pfarrer und Kirchenmitarbeiter vorwiegend aus Nord-, West- und Mitteldeutschland eine Pause vom Alltag machen können, um neue Kraft zu tanken. Die Klosterkammer Hannover hatte das Kloster für eine halbe Million Euro zu diesem Zweck umgerüstet und an die hannoversche Landeskirche vermietet.

"Viele Pfarrer fühlen sich durch die Vielzahl der Ansprüche und Erwartungen im Pfarramt überfordert", sagt Depenbrock. Das könne zu Enttäuschung und Frustration und bisweilen auch zu psychosomatischen Leiden wie Herzrasen, Appetitlosigkeit oder Schlafproblemen führen. Eine Auszeit vom Stress sei der erste Schritt, um die Probleme in den Griff zu bekommen und Burnout-Erscheinungen vorzubeugen.

Die Ansprüche an heutige Pastoren seien vielfältig. Auf der einen Seite baue die Kirche immer mehr Stellen ab und verstärke so die Belastung. Auf der anderen Seite stiegen die Ansprüche. "Auf das Pfarramt konzentrieren sich alle Erwartungen einer in die Krise geratenen Institution", erläuterte Depenbrock: "Pfarrer sollen Gemeindemanager sein und hart verhandeln und zugleich Seelsorger, die immer ein offenes Ohr haben."

Viele Teilnehmer empfänden es schon als große Entspannung, einmal Abstand von Alltag zu haben und nicht auf Anfragen oder Mails reagieren zu müssen. Auch eine Pause vom Druck der Öffentlichkeit entlaste sie. "Sie müssen hier nicht ihr freundliches Sonntagsgesicht aufsetzen, sondern können so sein, wie sie sind." In den Kursen lernten die Teilnehmer auch Menschen kennen, denen es ähnlich gehe wie ihnen selbst. Im Alltag erlebten sie sich eher als Einzelkämpfer.

Im ersten Jahr nahmen laut Depenbrock 32 Personen an den Kursen teil. 2016 waren es bereits rund 50. Der Altersdurchschnitt liege bei 50 Jahren. "Das ist ein Thema der Lebensmitte", sagt der Einrichtungsleiter. "Die Kräfte lassen nach, die Ansprüche an sich selbst nicht." Pastorinnen und Pastoren lebten stark von der inneren Motivation.

Die meisten Theologen schöpften im Kloster neuen Mut: "Sie gehen fröhlicher, gelassener und zuversichtlicher wieder zurück." Fachleute gehen davon aus, dass bis zu fünf Prozent der evangelischen Pastorinnen und Pastoren von Erschöpfungszuständen betroffen sind.

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen