Wie können die Religionen miteinander lernen, beten und singen?

Nachricht 04. Dezember 2016

Hildesheim. Interreligiöser Dialog findet in den kirchlichen Einrichtungen täglich und überall statt: In den Gemeinden bei der ehrenamtlichen Arbeit mit Flüchtlingen, in den Kindertagesstätten und Schulen im Umgang mit Kindern unterschiedlichster Herkunft und Religion. Dabei entstehen viele Fragen, manchmal auch Konflikte und Zweifel genauso wie Überraschungen und Gemeinsamkeiten.

Wie selbstverständlich das gemeinsame Lernen gelingen kann lässt sich bei den Kleinsten abschauen. Silke Feldberg-Akhand ist Erzieherin in einer evangelischen Kita in Frankfurt, in der die Hälfte der Kinder aus muslimischen Familien stammt. „Wir feiern natürlich christliche Feste wie Weihnachten und Ostern. Zu den Jahresfeiern gehört aber auch das Opferfest, das von muslimischen Kindern und ihren Eltern vorgestellt wird.“

Der Erfahrungsbericht aus der Kita war Teil eines Fachtags zum interreligiösen Lernen, zu dem Michaela Grön, Koordinatorin Evangelische Bildung im Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt, im November eingeladen hatte. Die Teilnehmenden konnten in Workshops außerdem Beispiele aus Schule, Hochschule und Kirchengemeinde kennen lernen und auf dem Wege einer wissenschaftlich fundierten Diskussion zu eigenen Positionen finden.

Sollten Kinder unterschiedlichen Glaubens im Kindergarten zusammen Adventslieder singen? Wie können Schulen und Hochschulen einen Raum der Stille einrichten, der Angehörigen aller Religionsgemeinschaften gerecht wird? Ist es in Ordnung, in einer christlichen Kirche zusammen mit Muslimen zu beten? Darf bei einem interreligiösen Fest Alkohol auf dem Tisch stehen? Die Fragen und möglichen Reibungspunkte sind vielfältig. Bei einer Online-Umfrage in den Bildungseinrichtungen erfuhr Michaela Grön: Das Thema interreligiöses Lernen steht für viele ganz oben auf der Liste des Interesses. „Und das ist auch gut so“, findet sie. „Denn nach meinem Verständnis gehört es zum Profil Evangelischer Bildung, dass wir Kinder, Jugendliche und Erwachsene zum guten Miteinander der Religionen befähigen. Darin liegt auch eine Chance, die eigene Religion neu zu entdecken.“

Rund 65 Teilnehmende waren zum Fachtag in die Dombibliothek gekommen. Superintendent Mirko Peisert begrüßte sie an seinem ersten Arbeitstag in seinem neuen Amt. „Bildung und Religion sind verschwistert, sind untrennbar miteinander verbunden“, sagte Peisert. „Der heutige Fachtag zum interreligiösen Lernen kommt aus meiner Sicht genau zur richtigen Zeit und greift viele aktuelle Fragen auf, brisante wie auch ganz alltägliche.“

Prof. Dr. Wolfgang Reinbold stellte in einem Impulsvortrag die Arbeit des Hauses der Religionen in Hannover vor, das deutschlandweit erste Zentrum für interkulturelle und interreligiöse Bildung. Dort werden Fortbildungen, Diskussionen und Begegnungen für Gruppen jeden Alters angeboten, interreligiöse Projekte koordiniert und gemeinsame Friedensgebete vorbereitet

Für den Theologen und Beauftragten für Kirche und Islam der Landeskirche  ist für eine gelungene Zusammenarbeit die Haltung entscheidend. Es brauche die Verbundenheit mit der jeweils eigenen Tradition ebenso wie die Einsicht, dass das eigene Verstehen immer unvollkommen ist. Wesentlich seien zudem das Zutrauen in den Dialog, Empathie und die Bereitschaft, sich berühren zu lassen. „Eine Einwanderungsgesellschaft, die multireligiös ist, muss lernen, Unterschiede auszuhalten“, so Reinbold. „Bei einem multireligiösen Empfang zum Beispiel kann auch der Rotwein auf dem Tisch stehen. Interreligiöse Gastfreundschaft bedeutet nicht, dass derjenige mit den meisten Verboten gewinnt und schließlich nur Brot und Wasser übrig bleiben. Gastfreundschaft bedeutet die Offenheit aller, die am Tisch sitzen.“

Das Interesse der Teilnehmenden fand auch ein Fortbildungsprogramm für evangelische, katholische und islamische ReligionspädagogInnen. Es wird in gemeinsamer Verantwortung von den Bistümern Hildesheim und Osnabrück, dem religionspädagogischen Institut Loccum und dem Zentrum islamische Religionspädagogik Niedersachsen herausgegeben. Im Vorbereitungsteam und unter den Teilnehmenden der Fortbildung sind Christen und Muslime in gleicher Anzahl vertreten. Die islamische Religionspädagogin Dr. Kathrin Klausing stellte das Programm vor: „Wir haben dafür Themen ausgesucht, die für beide Religionen von Bedeutung sind und zugleich Stoff für Auseinandersetzung bieten.“ Klausing betont: „Unser Ideal ist die Augenhöhe“.

Kultur und Kommunikation, Hildesheim