"Integration ist ein zweiseitiger Prozess"

Nachricht 14. November 2016

Hildesheim. „Integration bleibt die größte gesellschaftliche Herausforderung." Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes und ehemaliger Bundesinnenminister, lobte in seinem Vortrag beim Freundesmahl in der Diakonie Himmelsthür das Engagement ehrenamtlicher Helfer in der Flüchtlingskrise und kündigte zukünftige Herausforderungen für Politik und Gesellschaft an.

Zum 31. Mal richtete der Verein „Freunde der Diakonie Himmelsthür“ am Freitag das Freundesmahl in der Ernst-Kipker-Halle in Sorsum aus. Prominente aus Politik und Kirche und weitere Gäste fanden sich zu der traditionellen Veranstaltung in der zum Festsaal umgebauten Sporthalle ein. Der Chor der Luise-Scheppler-Schule und der Bläserkreis St. Michael begleiteten den Abend musikalisch.

Mit Blick auf die Menschen, die heutzutage vor Krieg flüchteten, sei es die Pflicht der Älteren, von eigenen Kriegs- und Fluchterfahrungen zu berichten, sagte Walter Meyer-Roscher, Vorsitzender des Freundevereins: „Wir leben noch und so haben wir das Privileg, der nachwachsenden Generation von unseren Erinnerungen zu berichten. Wir haben aber auch die Pflicht, sie nach Gottes Gebot der Barmherzigkeit und Nächstenliebe zur Hilfe für Flüchtlinge aufzurufen."

Ulrich Stoebe, Direktor der Diakonie Himmelsthür, berichtete von minderjährigen Flüchtlingen, die durch die Diakonie Himmelsthür ein vorläufiges Zuhause gefunden haben. Gleichzeitig zeigte er sich, angesichts des Ausgangs der Präsidentschaftswahl in den USA, besorgt. „Zugbrücken rauf oder runter, scheint die Frage der Zukunft zu sein." Seit Mittwoch traue er sich kein Urteil mehr zu, welche Seite auch in Deutschland oder Europa die Oberhand gewinnen werde.

„Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist nach wie vor groß", befand Rudolf Seiters. Zwar wisse man von den Angriffen auf Flüchtlingshelfer und Auswüchsen ausländerfeindlicher Hetze. „Aber das ist nicht Deutschland." Er sprach aber auch von den großen Herausforderungen, die in den kommenden Jahren auf die Gesellschaft zukommen würden. 2015 sei das Jahr der Flüchtlinge und Helfer gewesen. Die kommenden Jahre würden die Jahre der Integration werden müssen.

Jetzt müsse man sich auf die gewaltige Aufgabe konzentrieren, den Bleibeberechtigten bei der Integration zu helfen und ihnen eine Perspektive in unserem Land zu bieten. Dabei müsse man zwischen denen unterscheiden, die aufgrund von Krieg und Verfolgung ein Recht auf Asyl hätten, und denen, die aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen flüchteten. Ansonsten werde die Integration scheitern. Seiters: „Natürlich hat Europa auch eine Verpflichtung gegenüber den Armutsländern. Diesen Menschen können wir aber nicht mit dem Asylgrundrecht helfen."

Aber Integration sei auch immer ein zweiseitiger Prozess, betonte Seiters „Von Geflüchteten kann der Wille zu und die aktive Mitarbeit an einer gelungenen Integration erwartet werden. Das Gleiche gilt für die einheimische Bevölkerung. Es geht darum, Geflüchteten auf Augenhöhe zu begegnen und den Beitrag, den Geflüchtete zu unserer Gesellschaft leisten, wertzuschätzen."

Traditionell bekommt der Gastredner des Freundesmahls als Dankeschön ein Originalbild der Künstlergruppe Wilderers geschenkt. In diesem Jahr überreichte Jenny Kriszio ihr Werk mit dem Titel „Begegnung". Der Erlös des Freundesmahls soll in diesem Jahr investiert werden, um Menschen mit geistiger Behinderung, die in der Tagesförderung arbeiten, zu Kaffeeröstern auszubilden.

Julia Dittrich/Kultur und Kommunikation, Hildesheim