Diakonie-Vorstandssprecher warnt vor Scheinlösungen bei Flüchtlingsbewegungen

Nachricht 29. Juli 2016
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Dr. Christoph Künkel, Bild: Diakonisches Werk

Hannover (epd). Ein Jahr nach Beginn der großen Flüchtlingszuwanderung im vergangenen Sommer nach Westeuropa warnt der Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen, Christoph Künkel, vor Scheinlösungen. "Nach der Schließung der Grenzen tun wir so, als sei alles gelöst, nur weil wir die Menschen nicht mehr täglich vor Augen haben - frei nach dem Motto: Was wir nicht sehen, gibt es nicht", sagte der evangelische Theologe im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die jüngsten Attentate täten ein Übriges, um sich in seine vier Wände zurückzuziehen und sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren.

"Wir verfolgen mit zwiespältigen Gefühlen die Entwicklungen in der Türkei und sind zugleich froh, dass das Land uns die Flüchtlinge abnimmt", sagte Künkel. Im griechischen Idomeni sei das Lager zwar aufgelöst worden, doch die Menschen seien damit nicht verschwunden. Sie müssten jetzt woanders klarkommen. Auch in den Herkunftsländern der Migranten habe sich inzwischen nichts verbessert - weder in Syrien noch in Afghanistan, Somalia oder Eritrea, betonte der Oberlandeskirchenrat. Im Mittelmeer kenterten weiterhin Flüchtlingsboote, und Hunderte Menschen verlören dabei immer wieder ihr Leben. "Wir haben eine humanitäre Verpflichtung, uns zu kümmern, die wir nur alle gemeinsam politisch lösen können."

Die Zuwanderung im vergangenen Jahr habe Deutschland nicht überfordert, aber an Grenzen geführt. Künkel lobte in diesem Zusammenhang das Land Niedersachsen, das einen großen Teil seiner Flüchtlingseinrichtungen "schlafend gestellt" habe. "Wenn die Not wieder sehr groß wird, sind wir besser vorbereitet als vorher." Jetzt gehe es darum, den Zuwanderern in Deutschland Lebensperspektiven zu eröffnen. "Das wird für viele ein sehr weiter Weg", sagte Künkel: "Unsere Arbeitsbezüge sind so komplex und mit Tempo verbunden, dass selbst viele unserer hier aufgewachsenen Hauptschüler Probleme haben, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren." Besonders für die erwachsenen Flüchtlinge, die über keinerlei Schulbildung verfügten, werde es sehr schwierig.

Zwar stellten auch die unbegleiteten Minderjährigen das Land und die Jugendhilfe vor immense Herausforderungen, doch hier verfüge die Diakonie über eine lange Praxis. "Besonders die Behinderten-Einrichtungen haben langjährige Erfahrungen, wie man junge Menschen ohne direkten Zugang zum Arbeitsmarkt nach ihren Fähigkeiten und in ihrem Tempo fördert." Er hoffe, dass sich dieses vorhandene Wissen langsam und kontinuierlich auch auf andere Ausbildungen und Beschäftigungsverhältnisse übertragen lasse, betonte der Theologe.

"Ich halte fördern und fordern dabei für einen wichtigen Ansatz", sagte Künkel. Die Wahlfreiheit in westlichen Ländern sei auch etwas sehr Anstrengendes und Belastendes, was vielleicht auch manchen überfordere. Als Beispiel nannte der Sozialexperte, dass viele Flüchtlinge offensichtlich Probleme mit Praktika in Handwerksbetrieben hätten, weil diese Berufszweige in ihren Herkunftsländern eher gering geschätzt würden. Hier müsse mit viel Geduld immer wieder aufgeklärt werden. Dabei dürfe niemand durch Vorschriften wie "Das wird jetzt gemacht" entmündigt werden: "Wir müssen vielmehr zum Ausprobieren ermutigen".

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