Pflegeexperte: Immer mehr pflegende Angehörige geraten in Armutsspirale

Nachricht 18. Juli 2016

Hannover (epd). Immer mehr pflegende Angehörige geraten nach Ansicht des Pflegeexperten Sebastian Fischer in eine Armutsspirale. "Rund 75 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zu Hause von Angehörigen gepflegt, und viele Menschen verarmen - finanziell und durch den Verlust sozialer Kontakte", sagte Fischer in einem Interview der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (Samstagsausgabe). Viele Pflegende landeten sogar in Hartz IV, betonte Fischer. Er gehört dem Vorstand des Vereins "wir pflegen" an, der sich als Interessenvertretung pflegender Angehöriger in Deutschland versteht.

Zwei Drittel aller Pflegekosten würden von Familien getragen. Die Pflegeversicherung übernehme nur einen Teil. Die tatsächlichen Aufwendungen für Medizin, Hilfsmittel, Transporte oder auch Heizkosten seien weit höher, sagte Fischer. Viele Angehörige reduzierten ihre Stelle oder gäben ihre Arbeit ganz auf, um mehr Zeit für die Pflege zu haben. Die durchschnittliche Pflegedauer betrage 9,3 Jahre. "Doch bereits wenn man drei oder vier Jahre gepflegt hat, merkt man das für den Rest seines Lebens", betonte Fischer.

Zwar gebe es inzwischen einige deutliche Verbesserungen, doch die meisten Neuerungen änderten nichts am Grundproblem. Wer zum Beispiel ein Jahr lang einen Angehörigen in Pflegestufe II mindestens 21 Stunden in der Woche betreue, erhalte dafür im Alter monatlich 11,23 Euro an Rente angerechnet. Dies gelte auch nur, wenn keine Fachkräfte zur Erleichterung der Pflege hinzugezogen würden. "Für alle, die so wichtige gesellschaftliche Leistungen erbringen, ist dies eine Ohrfeige", sagte der Experte.

Anders als die Betreiber von Pflegeheimen könnten pflegende Angehörige an der Pflege nichts verdienen. Pflegegeld gehe immer an die Pflegebedürftigen. "Die meisten Angehörigen entscheiden sich aus menschlichen Gründen und Nächstenliebe für die Pflege", unterstrich Fischer. Eine gerechtere Finanzierung würde nur die wirklichen Kosten decken und die Spirale in die Altersarmut verhindern.

Fischer, der einen Stützpunkt für pflegende Angehörige im schottischen Edinburgh leitet, sagte, im Ausland erhielten die Angehörigen oft mehr Anerkennung und Hilfe. In Edinburgh böten 35 Mitarbeiter Kurse, Selbsthilfegruppen, praktische Hilfe, Rechtsberatung und Therapien an und unterstützten über 7.000 pflegende Familien in der Region. Ähnliche Zentren gebe es überall in Großbritannien und auch in anderen Ländern. "Trotz der Pflegestärkungsgesetze hinkt Deutschland da leider weit hinterher."

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