Das Räuberlager im Despetal

Nachricht 05. Juli 2016

Eitzum. Es ist ein ganz gewöhnlicher Mittag im Despetal, als sich vom Wald eine seltsame Prozession auf den Weg durch das verschlafene Dörfchen macht. Neugierig lehnen die Leute über ihren Jägerzäunen und beobachten, wie der Festzug bunte Tücher schwenkend und singend auf die Dorfkirche zusteuert. Die TeilnehmerInnen der Prozession tragen braune Kutten, Blumenkränze auf den Köpfen und vor allem sind sie fast alle jünger als zehn Jahre. Bestimmt würden die Dörfler noch größere Augen machen, wüssten sie, dass es Robin Hood ist, der den Festzug anführt. Oder genauer: Anna Bartels aus Burgstemmen, verkleidet als Robin Hood. An seiner, beziehungsweise ihrer Seite, schreitet würdevoll Franka Schumacher aus Clauen als Mary Ann einher. Die beiden sind auf dem Weg zu ihrer Vermählung.

Schon die ganze Woche über haben die Kinder gemeinsam mit dem berühmten Helden am Wald gelagert und für das Gute gestritten. Gebastelt, gekocht und trainiert. Zum Beispiel das Bogenschießen oder das Sammeln von Wildkräutern. Schauplatz der Geschehnisse: Die Bormstalhütte bei Eitzum. Hier herrscht ein Flair irgendwo zwischen Zeltlager, Kindergeburtstag und Räuberunterschlupf. Dazu eingeladen hatten die  Diakoninnen Renata Friede und Sabine Junak vom evangelischen Kirchenkreisjugenddienst Hildesheimer Land-Alfeld, um eine Abwechslung zu den gewohnten Ferienprogrammen zu bieten.

Diese Abwechslung nennt sich Live-Rollenspiel (kurz: LARP) und ist ein inzwischen auf der ganzen Welt verbreitetes Hobby. „Wir mussten uns etwas ausdenken, weil zu den übrigen Freizeit-Angeboten keiner kam“, erklärt Sabine Junak den Entschluss. Etwas Neues musste her. Obwohl: So neu ist das Hobby inzwischen nicht mehr. Schon seit Ende der 80er Jahre werden in Deutschland Liverollenspiele gespielt, inzwischen kommen auf den deutschlandweit stattfindenden Veranstaltungen Tausende Menschen zusammen. Die Rollenspieler treffen sich meist ein Wochenende oder auch eine ganze Woche, um in andere Rollen zu schlüpfen, Abenteuer zu erleben oder einfach in Ruhe über dem Feuer zu kochen.

Mit all dem hat das Kinder-LARP in Eitzum aber nur bedingt etwas zu tun: Der Schwerpunkt liegt weniger auf der glaubhaften Darstellung einer bestimmten Szenerie oder auf dem Rollenspiel, sondern vielmehr auf dem gemeinsamen Entdecken der Umgebung, Rätseln und Basteln. „Klar, wenn der Sheriff von Nottingham sie bedroht, dann reagieren die Kinder schon entsprechend“, berichtet Renata Friede. Aber auf zu realistische Darstellungen wird bewusst verzichtet. „Wir benutzen zum Beispiel keine Masken als Verkleidung, weil die einfach zu gruselig sind“, so die Diakonin. 

Besteht also die Gefahr, dass die Grenze zwischen Realität und Fantasie verschwimmt? Keineswegs: Gerade Kinder haben ein gutes Gespür dafür, was sich im Rahmen des Spiels bewegt und was nicht. Noch viel einfacher als Erwachsene sind sie in der Lage, sich auf alternative und vor allem fiktive Lebensrealitäten einzustellen oder zwischen ihnen zu wechseln. Das zeigt sich auch hier: Zwar sprechen die Kinder einander wie gewohnt an und verhalten sich auch so, legen aber beispielsweise eine ungeahnte Disziplin an den Tag, wenn es darum geht, ein Spalier für Mary Ann und Robin zu bilden.

Die Hautsache ohnehin ist der riesige Spaß, den alle sichtlich haben. 32 Kinder sind dabei, die meisten von ihnen waren auch schon im Vorjahr im Boot, als die Geschichte um den berühmten Bogenschützen ihren Anfang fand. Dieses Jahr soll sie zu Ende erzählt werden, natürlich mit einem Happy End! Und das gelingt auch, mit dem Zusammenhalt aller: Am Ende der Woche ist der Sheriff besiegt und Mary Ann und Robin machen sich auf, in der Eitzumer St. Martini-Kirche ihre Hochzeit zu begehen. Im Gefolge: ihre treuen Helfer, die es auch jetzt nicht müde sind, selbstgedichtete Loblieder auf ihren Anführer zu singen. Und die sicherlich im nächsten Jahr wieder kommen werden, wenn eine neue Geschichte ihren Anfang nimmt. Wanja Neite

Wanja Neite